Zum Inhalt

das kulturelle Überformat

Dossier

DOSSIER: FUSSBALL – England, Football & Music

Wie die Punks den englischen Fussball retteten…

Die Gesänge auf den Tribünen der englischen Stadien sind oft sehr witzig – ganz im Gegensatz zu den Liedern, welche diverse Klubs traditionsgemäss auf einen Cup-Final hin veröffentlichen. Dabei haben laute Gitarren und krachende Drums vor gar nicht so langer Zeit den englischen Fussball für immer verändert.

Hanspeter Künzler·5. Juni 2008·11 Min.

Es ist eine unauslöschliche Erinnerung. Ein Heimspiel von Chelsea in den mittleren achtziger Jahren, gegen Norwich City in der alten englischen First Division (später die Premier League). Es hat noch viel Platz in den Steh-Rängen. Jeder raucht. Der Fussball, den sie uns an diesem milden Frühlingssamstag auf einem holprigen Rasen servieren, ist alles andere als mild oder gar erinnerungswürdig. Ganz im Gegensatz zum Cros-Magnon- Spektakel, das die Chelsea-Fans mit ihrer kommunalen Anhäufung von blanken Schädeln bieten. Schädel wie Birnen, Schädel wie Melonen, Schädel mit gewaltigen Kiefern, tätowierte Schädel und Schädel, die mit Beulen und Narben verziert sind – alle haben sie eines gemeinsam: sie sind brutalen Barbieren zum Opfer gefallen, die exakt zwei Frisuren im Repertoire haben: Totalrasur und «Number 1». Dies zu einer Zeit, wo kein vernünftiger Mensch das Haar kürzer als drei Zentimeter trägt. Skinheads treten selten auf im Westlondoner Stadtbild. Im Ostlondon, so munkelt man, da sei es wesentlich schlimmer mit denen. Obwohl sich die muntere, militante linke Post-Punk-Motown-Band The Redskins alle Mühe gibt, mit ihren Kahlschlägen die allgemeinen Vorurteile gegen Skins abzubauen, wird ein superkurzer Bürstenschnitt weit herum noch immer als Emblem rassistischen Idiotentums gelesen. Ironisch, waren die ersten britischen Skinheads doch Reggae-Fans, welche den Haarstil ihren jamaikanischen Freunden abschauten.

Seit den fünfziger Jahren hat Mode in Grossbritannien wesentlich mehr bedeutet als nur gerade die neueste Saisonbekleidung. So, wie die Vorliebe für eine bestimmte Band mehr bedeutete als die blosse Hingabe an einen bestimmten Sound. Sich als Fan einer Band zu verschreiben oder aber einen gewissen Stil von Jacke zu tragen, reflektierte eine ganze Lebenshaltung samt Meinungen punkto Politik, Kunst, Ernährung, TV und Sport. Unter Rockfans herrschte mehr oder weniger übereinstimmend das Gefühl, dass Rock der Ausdruck einer Rebellion gegen alles Konservative sei. «Pop» andererseits galt als kommerzielle Musik, die in keiner Weise Sozialgewissen zeigen musste.

David Bowies unschöner Flirt mit der Nazi-Symbolik und Eric Claptons besoffene Lobrede für den Parlamentarier Enoch Powell und dessen Aufruf zur Rückschaffung jamaikanischer Einwanderer in die Karibik bedeuteten einen echten Schock: bis dahin hatte man angenommen, dass es unmöglich sei, ein rechtsgerichteter Rockfan zu sein. Bald darauf wurde Rock Against Racism (RAR) gegründet. Die Organisation sollte weisse und schwarze Jugendliche zusammenbringen, für gegenseitiges Verständnis sorgen und damit Claptons Sprüchen sowie der wachsenden Präsenz der National Front – Schlägertypen am Rande der Legalität, die sich als politische Partei tarnten – entgegenwirken. RAR genoss massive Unterstützung durch die damals noch florierende wöchentliche Musikpresse, legte dazu eine eigene Publikation auf und organisierte Gigs, bei denen sich Reggae- und Punkbands abwechselten.

Ein solches Festival lockte 80'000 Fans auf den Trafalgar Square, von wo aus man ins National Front-Territorium in Ostlondon marschierte, um in einem dortigen Park The Clash, Steel Pulse, Tom Robinson («glad to be gay») und The Ruts live zu geniessen. Wenig später formierte die linke Aussenpartei Socialist Workers’ Party mit der Unterstützung der Gewerkschaften die Anti Nazi League (ANL), die ähnliche Ziele verfolgte. RAR und ANL halfen mit, dass eine neue Generation von Musikfans ein deutlich stärkeres Bewusstsein betreffend sozialen und rassistischen Stereotypen an den Tag legte.

Die National Front, die sich nicht an so intensive Aufmerksamkeit gewöhnt war, zerstritt sich prompt, fiel auseinander und trat viele Mitglieder an die Konservative Partei ab, die 1979 mit Margaret Thatcher die Macht im Land übernommen hatte. Punk war nicht von Anfang an eine politisierte Bewegung – Punks genossen es einfach aus Prinzip, dem Establishment ans Bein zu pinkeln.

Die Tatsache, dass viele Punk-Bands RAR und ANL unterstützten und die Hassfigur Margaret Thatcher ihren Gegnern einen ausgezeichneten Fokus lieferte, führte dazu, dass die zweite und dritte Generation von Punkbands dem Beispiel von The Clash folgend, bedeutend mehr Lieder mit politischer Botschaft komponierten. Genau so wichtig: weil die konventionelle Musikpresse am Anfang nichts wissen wollte von ihnen, setzten die Punks ihre eigenen Kommunikationskanäle in Bewegung. Dazu gehörten die Anschlagbretter von Plattenläden – vor allem aber das sogenannte «Fanzine». Es war dies ein konsequent hausgemachtes Alternativmagazin, das gewöhnlich von Hand geschrieben, vervielfältigt und vertrieben wurde. Manche waren brillant geschrieben, andere erfreuten sich grossartiger Grafik, wieder andere waren so chaotisch und bizarr wie eine Platte von The Fall. Gemeinsam war ihnen allen ein böser Sinn für Humor, die Annahme, dass jeder Leser auf Thatcher spucken würde, wenn er ihr begegnete, und die Erwartung, dass man die Freude der New Wave am Niederreissen von Grenzmauern teilte. Schon aus ihrer politischen Gesinnung heraus, interessierten sich viele Punks für die Working Class-Kultur, auch wenn sie selber aus anderen Kreisen stammten. So hatten sie keinerlei Hemmungen, eine Vorliebe für Fussball an den Tag zu legen. Was Bob Marley recht war, war auch ihnen recht. Umso besser, dass ihre älteren Geschwister mit ihren Prog.-Rock-Bands über Fussball nur schnöden konnten.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Interessen von Fussball und Musik selten getroffen. Ja, seit 1970, als die englische Nationalmannschaft mit ihrem Gassenhauer «Back Home» die Hitparadenspitze erstürmte und damit den Trend auslöste, dass jedes Team seine Höhepunkte mit einer grässlichen Single zum Schunkeln und Mitgrölen feiern musste. Natürlich gab es Ausnahmen wie Rod Stewart, der auf der Bühne Fussbälle herumkickte, oder Bob Marley, oder die Band Hotlegs, deren Namen von der Technik herrührte, in einem vollen Stadion Wasser zu lassen: man rollte das Programm zu einer Röhre und pisste dem Vordermann ans Bein (Hotlegs kredenzten den surrealen Hit «Neanderthal Man» ehe sie sich in 10CC umtauften). Dann gab es auch noch die grossartige Grease Band, deren Song «Willie & The Pig» das Resultat «Sheffield Wednesday 2, West Bromwich Albion 21» reportierte.

In den mittleren Achtzigern änderte sich die Situation. Musik und Fussball fanden zusammen. Zu diesem Zeitpunkt steckte der englische Fussball in einer tiefen Krise. Jahrelang hatten die Fussballobrigkeiten und Klubs nichts unternommen, um ihren Sport zu modernisieren. Die Toiletten vieler Stadien wären für einen Zoo nicht gut genug gewesen, die Pausenverpflegung spottete jeder Beschreibung, die Polizei, die für Ordnung sorgen sollte, gab sich keine Mühe, ihre Verachtung für die Fussballfans zu verstecken – so lange die Schlägereien nicht auf respektable Bürger übergriffen, war es ihr egal. So entwickelten sich diese Hooligan-Schlägereien selber zum Sport, der zum samstäglichen Match gehörte wie der lauwarme Tee. Zwei Dekaden lang hatte die Fussballkultur weitab vom Schweinwerferlicht der Medien ihrem Vergnügen gehuldigt. Erst in den achtziger Jahren stürzte man sich auf das Thema. Es gab dabei einen politischen Subtext. Die Thatcher-Regierung hatte die Gewerkschaften korrekt als ein Hindernis für ihre Bestrebungen identifiziert, der freien Marktwirtschaft freien Lauf zu lassen. So lag es in ihrem Interesse, alles in einem möglichst schlechten Licht erscheinen zu lassen, was gemeinhin mit Gewerkschaften und deren Mitgliedschaft identifiziert wurde, um dadurch die Unterstützung der unentschiedenen Bevölkerungsschichten zu sichern. Fussball passte perfekt in die Strategie.

Zu diesem Zeitpunkt waren ausser in Chelsea kaum mehr Skinheads in den Stadien zu sehen. Es war für die Autoritäten allzu einfach geworden, die Skinheads als Troublemaker auszumachen und dingfest zu machen. Viele Ex-Skins waren darum aufs Mod- Revival umgestiegen und kleideten sich «casual», sprich: sie trugen einen sauberen Scheitel und Leibchen von Pringle und Fred Perry.

Ein paar Jahre lang tat sich die Polizei schwer darin, in diesem Meer vorstädtischer Normalität die wahren Hooligans herauszupicken. Ausserdem hatte ihr Versuch, in den Stadien selber für Ordnung zu sorgen, bloss dazu geführt, dass die Hooligans ihre Männlichkeitsrituale nun in den Strassen ums Stadion und in den Stadtzentren inszenierten. Mehrere tragische Ereignisse gaben der Regierung im Kampf gegen die Fussballfans – so wurde das nun aufgezogen – Carte blanche. Zuerst, am 11. Mai 1985, brannte eine hölzerne Tribüne des FC Bradford City ab, 56 Todesopfer waren zu beklagen. Es hatte nichts mit Hooligans zu tun, passte aber ins Bild, dass Fussballplätze gefährliche Orte waren.

Dann, am 29. Mai 1985, kam es während des europäischen Meister-Cupfinales zwischen Liverpool und Juventus im Heysel Stadion zu Zusammenstössen von Fans auf den Tribünen. 39 Fans verloren ihr Leben, 454 wurden verletzt (eine Untersuchung ergab, dass das baufällige Stadion und das ahnungslose Verhalten der Polizei erheblich dazu beitragende Faktoren gewesen waren). Im ganzen Land und im Ausland kam es zudem zu einer Reihe von Fussball-Krawallen. So war es nur allzu einfach, Fussballfans als eine Horde von Barbaren abzustempeln.

Bestimmt glaubte die Regierung, leichtes Spiel zu haben, als sie ein Gesetz einführen wollte, wonach jeder, der einen Fussball-Match besuchen wollte, künftig eine Identitätskarte vorweisen müsste. Nun sind solche Karten in Grossbritannien ein heikles Thema – bis jetzt steht es jedem Briten frei, ob er etwa einen Pass beantragen will. Das Konzept einer obligatorischen Identitätskarte wird weit herum als inakzeptable Einschränkung der persönlichen Freiheit erachtet. Die Thatcher-Regierung erwartete bei ihrer Ankündigung einer Fussball-ID aber wohl kaum Gegenwehr. Schliesslich waren Fussballfans ein apolitischer Haufen von ungebildeten Halbstarken. Die Klubs selber waren in keiner Position, sich zu wehren. Die Zuschauerzahlen waren in den vorangegangenen Jahren stark gesunken. Das TV-Publikum war dermassen geschrumpft, dass sowohl die BBC als auch die privaten Kanäle Fussball zu Gunsten von Snooker in die Randzeiten verschoben hatten. Es gab kaum Investoren, die gewillt waren, Geld aufzuwerfen. Die Zukunft sah düster aus.

Unter dem Radar der Autoritäten hatten sich unter den Supportern aber massive, positive Veränderungen abgespielt. Vor allem hatten diese Supporter ein kommunales Medium für sich entdeckt – das Fanzine im Stil der Punks. Die konventionellen Medien hatten seit Jahren nur noch für tendenziöse Anti-Fussball-Stimmung gesorgt. Die eigentlichen Fussball-Illustrierten ergingen sich in humorlosen, unkritischen Lobhudeleien. Fussballfans mit punkigen Wurzeln fingen nun an, vor den Stadien Fanzines zu verkaufen, in denen kritische Artikel über die Art, wie ihr Lieblingsklub geführt wurde, mit witzigen Cartoons, Klatsch, Hintergrundberichten, sarkastischen Spielerportraits sowie Albumkritiken und Interviews mit befreundeten Bands ergänzt wurden. Bald gab es für jeden professionellen Klub mehrere solcher Fanzines. Ihre oft mit Galgenhumor gefärbte Namen drückten ihre Haltung aus: «Tired and Weary» hiess ein Birmingham City-Fanzine. Ein Fanzine für walisischen Fussball hiess «Intifada», die Blackburn Rovers hatten «Loadsamoney», Everton «When The Skies Are Grey», Manchester United «Red Attitude», ein Sunderland-Fanzine folgte gar den Spuren von John Coltrane und nannte sich «A Love Supreme». 1986  lancierten zwei Fanzines einen nationalen Vertrieb – eines davon, «When Saturday Comes», ist noch immer die amüsanteste, originellste und tiefgängigste Fussballpublikation weit und breit.

Parallel zum Aufstieg der Fanzines wurde die Football Supporters’ Association (FSA) gegründet, eine Selbsthilfeorganisation, die sich nicht nur für die Interessen der Fans einsetzte, sondern auch dafür, dass sich das Bild, das die Öffentlichkeit vom Fussball hatte, änderte. Viele Klubs sahen Fanzines wie FSA anfangs als eine Bedrohung. So erfolgreich und massentauglich aber waren deren Bemühungen, dass Thatcher ihr absurdes Identitätskarten-Programm tatsächlich abblasen musste – es war ihre erste grössere Niederlage. Als sich am 15. April 1989 im Hillsborough-Stadion von Sheffield eine weitere Tragödie abspielte (im überfüllten Stadion kam es vor dem Cup-Spiel zwischen Liverpool und Nottingham Forest zu einer Panik, 96 Menschen starben im Gedränge), war es den Medien bereits nicht mehr möglich, dies als selbstverschuldeten Hooligan-Event darzustellen. Die Boulevard-Zeitung The Sun, die es trotzdem tat, wurde in Liverpool fortan boykottiert – der Boykott wird von vielen Liverpudlians noch heute aufrecht erhalten.

Endlich erfassten nun auch die Autoritäten, dass Fussballfans mehr Respekt verdienten. Lord Justice Taylor, dem die Aufgabe übertragen worden war, die Gründe für das Desaster in Hillsborough zu analysieren, produzierte einen Bericht mit einer langen Liste von Verbesserungsvorschlägen. Dazu gehörte es, Stehterrassen und Zäune ums Feld abzuschaffen und hart gegen Fans vorzugehen, die rassistische Gesänge anstimmten oder mit Gegenständen um sich warfen. Der letztlich erfolglose und doch passionierte Auftritt der Engländer an der WM 1990 in Italien war ebenfalls ausgezeichnete PR. Auf einmal galt es als cool, Fussball zu schätzen.

Als 1996 die EM in England stattfand, hatten Popstars wie Elton John oder New Order keinerlei Hemmungen mehr, über Fussball zu schwärmen. Für die neue Generation von Britpop-Stars – Oasis, Blur, Suede und Konsorten – war das Fan-Bekenntnis zum einen oder anderen Klub bereits ein integraler Part ihrer öffentlichen «Persona». Viele der durch die New Wave inspirierten Fussball-Fanzines gibt es noch heute – manche sind allerdings aufs Internet abgewandert. Eine Empfehlung des Taylor-Reportes ist allerdings ignoriert worden – es ist eines der meistdiskutierten Themen in diesen Fanzines: Taylor forderte, dass Fussballmatches für alle erschwinglich sein müssten. Leider haben viele Klubs besonders in der obersten Spielklasse die Gelegenheit zum Wandel dafür gebraucht, sich in eine effiziente Firma zu verwandeln, die zuerst ihren Aktionären gefallen will. Auch ohne Identitätskarten sind Fussballstadien für viele unzugänglich geworden – zumal sich die Ticketpreise in der Premier League im Bereich von umgerechnet 100 Schweizer Franken bewegen. Dies stört Fanzine-Fans wenig. Sie halten es wie die New Wave-Fans der achtziger Jahre. Jeder schwärmte damals von einer brillanten Indie-Band, die es nie und nimmer auf einen grünen Zweig bringen würde, die einem aber ganz aus der Seele sprach. So ist es jetzt mit Fussball. Statt Chelsea, ManU und Tottenham unterstützt man nun halt Colchester, Exeter, Droylsden oder Barnet.

http://www.wsc.co.uk/issues/index.html

http://www.wsc.co.uk/links/generallinks.html

http://www.footballandmusic.co.uk/  

Dossier: Fussball – zurück zum Inhalt »

Weiterlesen

Mehr Dossiers

Dossier · Gesellschaft

Von Ägypten bis Uruguay

32 Nationen kämpfen an der Fussball-WM 2018 in Russland um den Titel. TheTitle präsentiert dazu 32 Kultur-Tipps – je einer pro Land.

1 Min.