Dossier
DOSSIER BRIAN WILSON: Versuch eines Interviews
«Sie hielten die Musik für unangemessen»
Das Interview findet in einem Business-Raum eines Londoner Luxushotels statt. Zwei Manager sitzen am anderen Ende des Raumes und machen sich an ihren Laptops zu schaffen. Brian Wilson sieht zerzaust aus. Er wechselt ab zwischen hastiger Gestik und unbeweglicher Selbstversunkenhiet.
Mr. Wilson, 44 Jahre nachdem sie entstanden sind, gelangen die fabulösen «Smile»-Aufnahmen endlich in ihrer Originalform an die Öffentlichkeit. Warum jetzt? Warum nicht früher?
Brian Wilson: Die Aufnahmen waren ihrer Zeit zu weit voraus. Es war nicht Musik, welche die Menschen damals hören konnten. Sie mussten 44 Jahre lang musikalisch wachsen, ehe sie bereit waren dafür.
Sie hätten nicht schon vor zehn Jahren erscheinen können? Oder vor sieben Jahren, als Sie ein Album mit neu eingespielten Versionen der Smile-Songs herausgaben?
Nicht einmal vor zehn Jahren, wären die Menschen dafür bereit gewesen.
Brauchte es die Neuaufnahmen der Smile-Songs, um die Leute auf die Originale vorzubereiten?
Ja, dadurch wurden sie reif gemacht für die Originale.
Waren Sie eigentlich überrascht, wie gut jene Neuversion von «Smile» überall ankam?
Es wurde sehr gut aufgenommen. Als wir es im Jahr 2004 in London promoteten, liebten es die Leute. They loved it, man, they really did. Das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte höllisch Angst, was passieren könnte.
Als Sie diese Musik vor 44 Jahren einspielten, dachten Sie bestimmt nicht daran, dass sie für das zeitgenössische Publikum nicht verständlich sein würde. Ich denke eher, dass Sie glaubten, Musik für jenen Moment zu machen, die jeder verstehen würde. Wer sagte Ihnen, dem sei nicht so?
Mein Partner bei den Aufnahmen, Van Dyke Parks. Er sagte, es sei zu früh. Zu fortgeschritten. Zu drogenbezogen. Wir nahmen viele Drogen. Sehr viele, viele Drogen. Acid. Pot. Amphetamine.
Damals nahmen der Rede nach alle Drogen. Ich hätte mir vorgestellt, dass demnach ein guter Draht zum Publikum bestanden hätte.
Die Öffentlichkeit hätte es nicht verstanden.
Wie sah das Konzept aus, von dem Sie und Van Dyke Parks ausgingen?
Van Dyke und ich wollten die Stimmung früher und mittlerer Americana re-kreieren. Und die Stimmung der Western-Filme.
Auf dem Album ist auch viel cartoonartiger Humor zu hören. Bildeten Cartoons Teil des Bildes?
Ja. Stimmt.
Welches waren Ihre Lieblings-Cartoons?
Ich habe keine Lieblinge. Ich liebe sie alle.
Wenn ich «Vega-Tables» höre, höre ich Bugs Bunny.
Ja.
Stimmt es, dass Paul McCartney zu den Leuten gehört, die im Studio Karotten gekaut haben?
Ja, das stimmt tatsächlich. Woher wussten Sie das denn?
Ein Gerücht, das seit langem herumgeistert. Wie kam es damals zu diesem Studiotermin?
Ob Sie's glauben oder nicht, ich kann mich nicht mehr erinnern.
Wie lernten Sie Van Dyke Parks kennen, ein einmaliger, eigenbrötlerischer Musiker, der für Texte wie «Surf's Up» und wohl auch einige Arrangements verantwortlich ist?
Das war 1965 im Haus eines Freundes. Ich sagte zu ihm: «Du klingst, als ob Du wüsstest, was los ist. Möchtest Du ein paar Lyrics schreiben für mich?» Als erstes schrieb er «Heroes & Villains».
Gehe ich richtig in der Annahme, dass Van Dyke Parks Sie von allen musikalischen Partnern am meisten inspiriert hat?
Absolut, ja.
Warum haben Sie aufgehört, mit Ihm zu arbeiten?
Nun…ich weiss es nicht. Es kam halt so.
Treffen Sie ihn noch?
Sehr selten. Ab und zu. Ich traf ihn letztes Jahr in London.
Worüber redeten Sie?
Small Talk. Wir gehen nicht gross in die Tiefe.
Worin bestand Ihre Hauptarbeit vor der Veröffentlichung der originalen Smile-Aufnahmen?
Wir hatten 150 oder 200 Stunden Tonband auszusortieren und auf 70 Minuten zu reduzieren. Es dauerte sehr lange, bis wir wussten, was wir brauchen wollten. Fragmente, 20 Sekunden lange Klangfetzen, eineinhalb Minuten lange Fragmente von Liedern. Wir mussten das finden, was uns gefiel und die Sachen loswerden, die wir nicht mochten.
Wie lange hatten Sie diese Musik nicht mehr gehört?
Oh, Gott, ich weiss nicht. Vierzig Jahre? Fünfundvierzig Jahre?
Gab es Überraschungen?
Oh ja, es gab viele Überraschungen.
Was war die grösste?
Am meisten überraschte mich das hohe Mass an Kreativität auf dieses Bändern. Ich war sehr überrascht, dass wir so tief in die Musik einzudringen vermochten.
War es schwierig, andere Beach Boys wie Mike Love und Al Jardine, die sich einer Veröffentlichung von «Smile» bekanntlich widersetzten, davon zu überzeugen, dass die Sachen nun doch erscheinen sollten?
Das war es, ja.
Was hatten sie dagegen?
Ich weiss es nicht. Ihnen gefiel halt die Musik nicht. Sie hielten die Musik für unangemessen.
Sogar heute noch? Das ist doch ziemlich enttäuschend.
Ist es, ja.
Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Beach Boys – die eine Hälfte der Beach Boys wusste die halbe Zeit nicht, wie gut die Band war und was man an ihr hatte.
Sie merkten es nicht, you know. Und sie erkennen es immer noch nicht, wie gut sie wirklich waren.
Das hat auch immer wieder zu Streit geführt?
Wir hatten unsere Probleme, stimmt. Aber wir haben sie aussortiert.
Sie und Mike Love sprechen also wieder miteinander?
(kichert) Nein. Das würde ich nun doch nicht sagen. Nein.
Sie haben letzthin auch ein Album mit Ihren Interpretationen von Liedern von George Gershwin veröffentlicht. War Gershwin ein wichtiger Einfluss für Sie?
Er gehört in die Top Drei meiner musikalischen Helden. Zusammen mit Phil Spector und Chuck Berry. Ich liebe Chuck. Er war grossartig. Allerdings war er nicht besonders freundlich zu mir, als wir uns vor drei Jahren in Hawaii begegneten. Er gab sich kurz angebunden.
Wie geht es Ihren eigenen Kompositionen derzeit? Arbeiten Sie an einem neuen Album?
Ich arbeite an einigen Liedern mit einem Freund...(Brian wird vom Manager unterbrochen, der sagt: «You don’t wanna talk about that any more»). Also, es ist wohl besser, Sie löschen das.
Zurück zu «Smile». Sie haben damals all diese wunderbaren Sounds mit analogen Instrumenten in analogen Studios eingespielt. Heute stehent einem Musiker eine Masse von elektronischen Instrumenten zur Verfügung, die auf dem Papier ein Heer von Orchestern ersetzen könnten. Glauben Sie, Sie hätten den Sound von «Pet Sounds» und «Smile» auch mit Sampler und Synthesizern herstellen können?
Nein, ganz und gar nicht. Ich glaube, es ist Zeit zum Aufhören, sonst überziehen wir.
(Der Manager: «In der Tat – Sie haben bereits zwei Minuten überzogen. Ich muss die nächste Person hereinbringen.»)
Interview: Hanspeter Künzler
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