Dossier
dossier: Clint Eastwood – «Changeling» und «Gran Torino»
Plädoyers gegen Korruption und Fremdenhass
Mit «Changeling» und «Gran Torino» hat Clint Eastwood nach 2006 auch letztes Jahr erneut in kurzer Folge zwei Filme in die Kinos gebracht. So unterschiedlich die beiden Werke auch sein mögen, so sind sie doch unverkennbar von Eastwood, der damit seiner grossen amerikanischen Chronik zwei weitere Mosaiksteine hinzufügt.
Manchmal könnte man weinen, ob der Berichterstattung in den Medien vor einem Kinostart. Da verfilmt einer wie Sam Mendes kongenial mit «Revolutionary Road» den gleichnamigen Roman von Richard Yates (siehe Dossier in dieser Ausgabe) und doch sprechen alle nur davon, wie Kate Winslet und Leonardo DiCaprio nach «Titanic» zum zweiten Mal als Paar auf der Leinwand zu sehen sind. Kate und Leo hier und Kate und Leo dort. Tom Cruise wurde im Vorfeld von «Valkyrie» (siehe Kritik in dieser Ausgabe) in Deutschland wegen seiner Verbindungen zur Scientology-Kirche bereits im Vorfeld der Strick gedreht und damit von der Absicht des Filmes abgelenkt.
Was «Changeling» betrifft, so wurde der Film nicht wirklich in Zusammenhang gebracht mit «The Curious Case of Benjamin Button» (siehe Kritik in dieser Ausgabe), aber eben: Angelina und Brad hier und Angelina und Brad dort. Und weil Angelina Jolie im Film die Rolle von Christine Collins verkörpert, deren Sohn plötzlich verschwindet, war natürlich Mutter Christine gleichzusetzen mit Mutter Angelina und so weiter und so fort.
Heute gilt der Star mehr, als der Grund, der ihn zum Star machte. Ganz normale Menschen tun abartige Dinge oder singen sich peinlich durch Wettbewerbe oder essen Würmer im Dschungel – und schon sind sie Prominenz. Das lenkt von den wahren Dingen ab. Etwa von der Kunst der Schauspielerei. Oder dem Inhalt des Films. Richard Yates hat beim Verfassen seines Romans ja nicht ahnen können, dass seine Geschichte dereinst mit «Titanic» verglichen wird.
Früher war das anders. Als Anthony Hopkins 1993 einen Butler in «The Remains of the Day» spielte, wäre es niemandem in den Sinn gekommen, den stoischen Diener mit dem zwei Jahre zuvor in die Kinos gekommenen Hannibal Lecter von «Silence of the Lambs» zu vergleichen.
Selbst bestandene Kritiker sind von diesen seltsamen Wahrnehmungsverschiebungen nicht verschont. Da «Changeling» unter anderen auch von Ron Howard produziert wurde, der zufälligerweise zur selben Zeit mit «Frost/Nixon» in die Kinos kam, wurde die Einsicht geäussert, dass Nixon eher zu Eastwood passen würde und das «Tränendrüsendrama» namens «Changeling» zu Ron Howard. Da schlich sich gleich zweifach ein falscher Gedanke ein. Clint Eastwood befasst sich nicht mit historischen Figuren der amerikanischen Geschichte, ausser sie waren wie Charlie Parker in «Bird» Aussenseiter, die falsch verstanden wurden oder die in der normalen Gesellschaft nicht die Anerkennung fanden, die sie verdienten. Was man von Nixon nicht behaupten kann. Und zweitens ist «Changeling» kein Tränendrüsendrama, obwohl – zugegeben die Mutter oft weint in dieser wahren Geschichte.
Eastwood erzählt darin den historischen Vorfall eines vermissten Jungen und dessen Mutter im Los Angeles der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Das ist die vordergründige Geschichte, die von einer grossartigen Darbietung von Angelina Jolie lebt, die zu Recht mit einer Oscarnominierung bedacht worden ist. Doch der Film hat mehrere Ebenen und die wahre Botschaft liegt wie bei Eastwood üblich im Subtext.
Die politischen Institutionen waren damals in Los Angeles völlig korrumpiert. Christine Walters, die es als alleinerziehende Mutter bereits in ihrer Firma zu einer Position geschafft hat, die zuvor nur Männern vorbehalten war, macht sich in dieser von Gleichberechtigung weit entfernten Welt auf, ihren Jungen wiederzufinden. Die Polizei präsentiert ihr denn auch fünf Monate nach dem Verschwinden des Sohnes einen Jungen, der offensichtlich ein anderer ist. Doch die Übergabe findet mit eingeladener Presse statt und Christine kommt der Bitte nach wenigstens einmal für die zahlreichen Fotografen zu lächeln. Damit ist dem Bürgermeister und dem Polizeichef durch die erfolgreiche «Wiedervereinigung» die Wiederwahl sicher. Als Christine danach weiterhin darauf beharrt, sie hätte den falschen Jungen, gerät sie immer dichter in den von Machterhaltung getriebenen politischen Apparat hinein. Die Folge: öffentliche Denunzierung und Einweisung in die Psychiatrie.
Dieser Kampf einer emanzipierten Frau gegen die korrupten Institutionen ist in allen Belangen ein typischer Eastwood. Vordergründig als ein Thriller angelegt, in schlichten, zurückhaltenden Bildern inszeniert, offenbart er im Hintergrund einen gesellschaftlichen Kommentar, den der Regisseur pointiert im US-Wahljahr deponiert. Die starke weibliche Rolle ist zudem auch ein Markenzeichen Eastwoods, das er seit seinem Erstling «Play Misty For me» (1971) konsequent verfolgt hat. Selbst in «Sudden Impact», seinem eigenen Beitrag zur «Dirty Harry»-Serie konterte er den von ihm verkörperten Macho bewusst mit starken Frauenrollen.
Ein anderes Thema, das ihm wohl am Herzen lag, verarbeitet er in «Gran Torino». In den USA wurden nach dem 11. September die Vorbehalte gegenüber fremden Kulturen immer grösser und zurzeit wird auch das Ungemach gegen illegale Immigranten immer lauter. Selbst Barack Obama sah sich in den vor allem von Industrie geprägten Gebieten des Landes mit feindlichen und misstrauischen Äusserungen konfrontiert. In «Gran Torino» spielt Eastwood Walt Kowalski, der dreissig Jahre lang in den Ford-Werken in Detroit arbeitete, im Korea-Krieg kämpfte und in einem der von der wirtschaftlichen Tristesse gedemütigten Vorstädte der Autometropole lebt. Seine Frau ist gestorben, von den beiden Söhnen hat er sich längst entfremdet und auch sonst passt ihm nicht vieles am Leben.
Kowalski ist noch einer der wenigen der einstigen weissen Bevölkerung des Ortes. Auf den Strassen lungern asiatische, schwarze und Latino-Gangs herum und im Nachbarshaus zieht eine asiatische Familie ein. Kowalski beobachtet diese Veränderungen mit grimmigem Blick und Kopfschütteln. Ein Mann am Abend seines Lebens: einsam, verbittert und cholerisch. Sein einziger Stolz steht in der Garage, ein Ford «Gran Torino», Sinnbild einer besseren Zeit und letzte Bastion des amerikanischen Traums, den Kowalski vor seiner Haustür langsam den Bach runter gehen sieht.
Als sich eines Tages eine Gang mit den Nachbarskindern anlegt, greift er mit einem Gewehr bewaffnet ein und vertreibt die kriminellen Jugendlichen. Eigentlich tat er dies nur, weil das Gemenge auf seinem Grund und Boden ausgetragen wurde, doch seine asiatischen Nachbarn sehen das anders. Mit unzähligen Gaben und Geschenken bedanken sie sich beim Retter, was dem Alten mächtig auf die Nerven geht.
Der ortsansässige Pater versucht immer wieder, den «verlorenen Sohn» zu retten, vergeblich. Als drei schwarze Teenager auf der Strasse Sue, die Nachbarstochter, belästigen, greift Kowalski erneut ein. Bei der Heimfahrt kommt es zum ersten ernsthaften verbalen Kontakt der beiden. Von da an lässt sich der Unbeugsame langsam aber stetig immer mehr mit den Nachbarn ein, während gleichzeitig der Hass der vertriebenen Gangs auf ihn und die Familie anwächst.
Es ist erstaunlich, wie sich die in der Mehrheit unbekannten oder sehr jungen Schauspieler rund um den alternden Eastwood bewähren können. Doch Eastwood ist bekannt, eine aussergewöhnliche Beziehung zu den Akteuren zu unterhalten. Er weiss um deren Fähigkeiten und dreht den Grossteil seiner Szenen rasch in maximal zwei bis drei Takes ab. Zudem überlässt er den Protagonisten Freiraum, was seit Anbeginn seiner Karriere als Regisseur von allen Darstellern geschätzt wird. Leute wie Sean Penn oder Ed Harris waren ob dieser Art der Regiearbeit so begeistert, dass sie für ihre eigenen Filme das Eastwoodsche Konzept von Freiraum und schnellem Dreh übernahmen. Angelina Jolie erklärte enthusiastisch, sie wolle in Zukunft nur noch mit ihm Filme machen. Und in «Gran Torino» ist diese führende Hand zu beobachten wie kaum zuvor, da sich die Schauspieler nicht an früheren Arbeiten messen lassen können.
«Gran Torino» begräbt jenes Amerika, das durch den blitzblank geputzten Wagen in Kowalskis Garage symbolisiert wird. Aber es ersetzt die Vergangenheit durch einen potenziellen Neuanfang. In diesem Sinne ist der Film auch ein Plädoyer für die Akzeptanz einer neuen Realität und für das Loslassen längst vergangener Masstäbe. Am Ende wird dieser Abschied noch besungen von Jamie Cullum im gleichnamigen Titelsong, der – wie fast jede Filmmuisk seit «Unforgiven» – von Eastwood selber komponiert worden ist.
«Gran Torino» wirkt zudem wie der Epilog zu seinem Gesamtwerk, nicht nur weil er in der Person des Walt Kowalski in Ansätzen auch seine früheren Rollen durchscheinen lässt. Immerhin ist der Mann mit 78 nicht mehr jung und der Verdacht liegt nahe, dass dies sein letzter Film als Schauspieler gewesen sein könnte. Zudem verlässt er mit «The Human Factor», seinem kommenden Film, sein angestammtes Feld. Der Film wird von Nelson Mandela (gespielt von Morgan Freeman) und dem Ende der Apartheid handeln.
«Changeling» (USA 2008) Regie: Clint Eastwood. Drehbuch: J. Michael Straczynski. Mit Angelina Jolie (Christine Collins), John Malkovich (Rev. Gustav Briegleb), Jeffrey Donovan (Capt. J. J. Jones), Michael Kelly (Detective Lester Ybarra), Colm Feore (Chief James E. Davis), Jason Butler Harner (Gordon Northcott), Amy Ryan (Carol Dexter), Geoff Pierson (S. S. Hahn), Denis O’Hare (Dr. Jonathan Steele), Frank Wood (Ben Harris), Peter Gerety (Dr. Earl W. Tarr), Gattlin Griffith (Walter Collins), Devon Conti (Arthur Hutchins)
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«Gran Torino» (USA 2008) Regie: Clint Eastwood. Drehbuch: Nick Schenk. Mit Clint Eastwood (Walt Kowalski), Bee Vang (Thao Lor), Ahney Her (Sue Lor), Christopher Carley (Father Janovich)
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TheTitle 02/2007 »


