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das kulturelle Überformat

Dossier

DOSSIER NEIL YOUNG – wiedergehört: «On The Beach» (1974)

Halbwache, zeitlupenhafte Versonnenheit

1. November 2012·4 Min.

Viele mögen die Protogrunge-Nummern Neil Youngs für seinen bedeutendsten Beitrag zur Popgeschichte halten, die massiven Orgien, die er zu brachialem Rauschen und Kreischen mit seinen Verstärkerbatterien feiert.

Wir plädieren hier für «On The Beach» als Neil Youngs bestem und konzeptuell überzeugendstem Album. Als es 1974 erschien, das fünfte Solo, wurde es wegen einer angeblich zynischen Dunkelheit recht verhalten aufgenommen und später lag die zögerliche Rezeption auch daran, dass es zu Beginn der Achtziger rätselhafterweise aus dem Vinyl-Katalog gestrichen wurde und auf CD tatsächlich erst 2003 erschien, nachdem Fans über mehrere Jahre in einer Online-Petition darauf gedrängt hatten.

Wir hätten – das muss hier mal gesagt sein – «On The Beach» bereits in den frühen Achtzigern kanonisieren können, in einer wohlbegründeten Top-Ten für die einsame Insel – in einem Suhrkamp-Buch, das nie erschien. In den vergangenen 25 Jahren ist es eher noch gewachsen, subjektiv, natürlich, doch eben auch bei Fans und Kollegen, wie sich angesichts von Langstrecken-Folkies wie Jason Molina, Arbouretum oder Sun Kil Moon einerseits und Slo-Mo-Drone-Landschaftsmalern wie Earth auf der anderen Seite, sehen lässt, nimmt es langsam den verdienten Status im Young-Œuvre ein: Als Meisterwerk.

Die angeblich so pessimistische Düsternis des Albums erweist sich dabei als eine oberflächliche, zu sehr am Textinhalt klebende Beobachtung, ja beinahe ein Missverständnis. Sicherlich kann man es gleichsam als eine Art Zwilling von «Tonight’s the Night» begreifen, Youngs Monument der Zerrissenheit und Denkmal für seine Freunde Danny Whitten und Bruce Berry, Gitarrist von Crazy Horse der erste, langjähriger Roadie der andere, das 1975 erschien. Allerdings wurde «On The Beach» zwar zuerst veröffentlicht, aber danach aufgenommen, und nach der tiefen, zerbröselnden Lo-Fi-Verzweiflung von «Tonight’s the Night» wirken die blueshaltigen Tracks hier vom Gestus her eher abgeklärt, gefasster, nüchterner.

Nachhaltig steht es im Zeichen von Verfall und Vergänglichkeit, aber oft klingt es, als schöpfe der Autor eine fast buddhistische Leichtigkeit aus seinen Beobachtungen: «Jetzt lebe ich zwar hier unten am Strand, aber die Möven sind immer noch unerreichbar» – wie er dies singt, da spricht durchaus keine Resignation aus diesem schönsten Satz des Titelsongs, einem tollen, siebenminütigen Ambientblues, mit schummriger, immer wieder nachhallender Gitarre und gleichmütig trabendem Rhythmus, der nur kurz zwischendurch, wie ein Herzstolpern, aus dem Takt gerät.

Überhaupt ist Schummern, Wimmern, Vibrieren eine Klangfarbe, die Young nie vorher und nicht später so gründlich erforscht hat, im schnarrenden Banjotrack «For the Turnstyles», im komplett sinnenverregnenden E-Piano von «See the Sky About to Rain» oder dem federnden, quietschenden Vibrato von «Walk On». Und auch im harten «Revolution Blues», seinem Stück über Charles Manson, einem seiner prächtigsten Rocksongs, in dem der Sound seiner Sprache so seltsam instrumental prägnant wird wie die prominent zischenden Becken, noch geknautschter, heller, heulender als sonst.
Doch natürlich sind es die letzten drei Tracks (oder eben die zweite Seite des Albums), «On the Beach», «Motion Pictures» und der knapp neunminütige «Ambulance Blues», die, angeblich auch für Young selbst, in ihrer oft halbwachen, zeitlupenhaften Versonnenheit den letzten meisterlichen Schliff besorgen. Die Schläfrigkeit, so nebenbei die Legende, hatte einen Grund auch in einer interessanten Mischung aus Honig und Marihuana.

«On The Beach» zeigt Young, der damals nach «After the Goldrush» und «Harvest» bereits ein Superstar war, von seiner Home Recording-Seite, es knarren, schnarren und schnalzen die Saiten, und immer wieder wummern Momente in die Übersteuerung und verwehen im Hall. Das wunderschöne Cover unterstreicht die Atmosphäre mit seinen dunstigen Farbtönen, dem blassen himmel- und ozeanblau, dem beige des Sands und dem sanften Blümchengelb der verlassenen Möbel beim rätselhaften Heckflügel; worauf die Figur Youngs in der Seebrise dem Betrachter den Rücken zuwendet und er sich irgendeiner fernen Aufmerksamkeit zu. Weiche Verläufe statt harter Linien, horizontale Öffnung statt linearer Zuspitzung – in der entschlossenen Wendung zum Ungefähren und Offenen liegt die stets erneuerte Modernität dieses grossen Albums.

Markus Schneider

Neil Young, «On The Beach» (Reprise, 1974)

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