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Dossier

Dossier Clint Eastwood – Porträt

Ein Humanist ohne moralischen Zeigefinger

Früher mimte er stumme Cowboys und schiesswütige Detektive und wurde zum grössten Kassenmagneten des amerikanischen Kinos. Seitdem hat er bei 29 Filmen Regie geführt: Clint Eastwood ist – spätestens seit «Bird» (1988) –längst vom Action-Helden zu einem der wichtigsten Filmemachern der Gegenwart geworden.?

24. Januar 2011·7 Min.

Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen

aus dem Lukas-Evangelium (1:52)

 

Clint Eastwood is the least disappointing American icon

Sean Penn

Am Anfang war da nur ein Gesicht. Braungebrannt, Cigarillos kauend und wortkarg. Der italienische Regisseur Sergio Leone entdeckte den jungen Clint Eastwood im amerikanischen Fernsehen. «Rawhide» (1959-1965) hiess die Western-Serie und dort spielte er noch den heissblütigen Frauenschwarm, ein Cowboy namens Rowdy Yates. Leone machte ihn unter glutheisser spanischer Hitze zur fast stummen Spaghetti-Western-Ikone. «For A Fistful of Dollars» (1964), «For A Few Dollars More» (1965) und «The Good, The Bad, and the Ugly» (1966) hiess die Trilogie, die aus Clint Eastwood nicht nur den coolsten Typen auf internationalen Leinwänden machte, sondern auch das Männerbild zu jener Zeit für lange definieren sollte. Danach buchte ihn Don Siegel als «Dirty Harry» (1971) und der in Italien geformte Star wurde für die nächsten zwei Jahrzehnte zum grössten Kassenschlager Hollywoods.

Er hätte, hat Eastwood einmal gesagt, beim Spaghetti-Western bleiben und mit ihm untergehen können. Er hätte auch, fügte er hinzu, weiterhin den schiesswütigen Detektiv mimen können, doch auch da wäre wohl einmal Schluss gewesen. Clint Eastwood, 1930 in San Francisco als Sohn eines Stahlarbeiters und einer Fabrikangestellten geboren, war sich stets seiner limitierten Ausdrucksmöglichkeiten als Schauspieler bewusst. Die Wahl seiner Rollen passte er immer seinen Möglichkeiten an und kreierte aus der Not heraus einen Charakter, der sich blendend für den «Cowboy ohne Namen» eignete, den Leone suchte. Schauspielerkollege Eli Wallach, der an Eastwoods Seite in «The Good, The Bad, and the Ugly» zu sehen ist, schreibt in seinen Memoiren mit dem schönen Titel «The Good, the Bad, and Me»:

I often thought that Clint didn’t do much acting: He seemed to underplay every speech he made. But when I saw the rushes, I realized that he showed more through his silence than most actors do with a page of dialogue.

Bei einem gemeinsamen Essen am Ende der Dreharbeiten liess Eastwood Wallach dann wissen, dass er sein eigener Herr werden wolle und in Zukunft bei seinen Filmen selber Regie führen würde. Wallach belächelte damals die Vision seines Kollegen: «Oh, sure», sagte er. Und im Buch gesteht er ein: «Little did I know.»

Wie konnte er auch? Keiner konnte ahnen, dass aus dem Mann, der einst stumm und mit zusammengekniffenen Augen aus der Ferne herangeritten kam, um am Ende des Films wieder mit dem Horizont eins zu werden, zu einem der grössten Cineasten der Gegenwart werden würde.

Als er für «Play Misty For Me» (1971) zum ersten Mal bei einem Film nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera stand, begann die langsame Transformation vom wortkargen Action-Helden zum amerikanischen Chronisten. Obwohl die siebziger und achtziger Jahre zum grössten Teil nachträglich als Testphase angesehen werden können, gelangen ihm da doch auch schon eindrückliche Werke wie die Western «High Plains Drifter» (1972), «The Outlaw Josie Wales» (1976) oder «Pale Rider» (1985). Und er machte vor keinem Genre Halt. Eastwood definierte sich in der Folge völlig neu, spielte mit seinem Image ebenso wie er zusehends unterschwellige Kommentare in seine Filme einfliessen liess. Von Haus aus zwar Republikaner und zeitweilig auch mal Bürgermeister seines Wohnortes Carmel in Kalifornien, liess sich Eastwood nie auf ideologische Spiele ein. Genau so wie er sein schauspielerisches Können in Filmen wie der Komödie «Bronco Billy» (1980) oder der Charakterstudie «Honky Tonk Man» (1982) erweiterte und letztlich in seinen Rollen – etwa in «Unforgiven», «Million Dollar Baby» oder «Gran Torino» – eine ungeheure charakterliche Tiefe entwickelte, genau so entwickelte er in seiner Filmographie ein grosses Bild seines Amerikas, das sich stets den Aussenseitern, Machtlosen oder Gescheiterten annahm.

Interessant in Eastwoods Werk ist dabei die Tatsache, dass er seine Kommentare nie vordergründig deponiert. Da entspricht er in keiner Weise der Traumfabrik Hollywoods, die gerne den kollektiven Wert des amerikanischen Traums verkaufen will. Die Stärke Eastwoods liegt darin, dass er sich zwischen zwei Polen nicht entscheidet. Es tauchen immer wieder Figuren auf, die im Spannungsfeld von gesellschaftlicher Integration und persönlicher Freiheit existieren. Sie stehen immer etwas abseits, wie etwa Luther Whitney, der Juwelendieb in «Absolute Power», der keinen Kontakt zu seiner ihm entfremdeten Tochter findet, da er sich einst nicht zum Familienmenschen erziehen lassen wollte. Andererseits wird er Zeuge eines Machtmissbrauches des US-Präsidenten, in der er, um sich selbst (und seine Tochter) zu retten, zum Kampf für die Gerechtigkeit gezwungen wird. Familiäre Zerwürfnisse sind bei Eastwood oft anzutreffen, inwiefern sie autobiographisch motiviert sind, lässt sich bei ihm nur schwer feststellen, da Eastwood in Interviews meist nur über den Film selbst, aber kaum über die Beweggründe dahinter – ob privat, gesellschaftlich oder politisch – spricht.

Seit «Bird» von 1988, dem Film über den Jazzmusiker Charlie Parker, versteht er auf jeden Fall all seine Filme als Teil einer grossen amerikanischen Chronik jenseits der Hauptstrassen. Er tut dies stets ohne Pathos, ohne Selbstverliebtheit. In seinen Bildern verbirgt sich neben einer klaren Aussage auch stets die Demut vor der menschlichen Existenz. Dass diese Existenz nicht unbedingt auf die USA beschränkt ist, hat er eindrücklich mit «Letters of Iwo Jima» gezeigt, dem Zwillingswerk zu «Flags Of Our Fathers», das dieselbe Schlacht des Zweiten Weltkrieges aus der japanischen Perspektive schildert.

Clint Eastwood ist der vielleicht grösste Humanist unter den US-Regisseuren. Keine Ironie und schon gar kein Zynismus sind bei ihm zu finden. Er inszeniert nie aufgeregte Bilder, seine Kamera filmt nie selbstverliebt und die Schnittfolgen legen keinen artifiziellen Rhythmus. Formale Spielereien sind ihm fremd. In diesem Sinne ist er auch der europäischste Filmemacher Amerikas. Ein Erzähler der klassischen Schule, der seine Gesellschaftskritik still und leise, aber nicht minder heftig, hinter einer meist einfachen Geschichte verbirgt. Wenn er in «Unforgiven», diesem grossen Abgesang auf den Western, einen Sheriff zeigt, der sich einen Biographen leistet, der der Nachwelt ein falsches, viel zu heldenhaftes Bild überliefern soll, dann begräbt er nicht nur ein Filmgenre, sondern den historischen Mythos an sich. In «Million Dollar Baby» scheut er sich nicht, ein Statement zur aktiven Sterbehilfe abzulegen, in «Mystic River» verurteilt er die gesellschaftliche Dynamik, die von Unwissen, Furcht und Hass getrieben, zur Verfolgung eines Unschuldigen führt. In «Flags Of Our Fathers» kritisiert er die Kriegspropaganda zu politischen Zwecken, in «Changeling» die Korruption der Mächtigen und in «Gran Torino» den Fremdenhass, der sich aus der eigenen Verbitterung nährt.

Vielleicht kann sich Eastwood selbst nicht entscheiden zwischen dem Kollektivdenken einer Demokratie und dem kapitalistischen Egoismus. Aber in dieser spannungsreichen Ambivalenz liegt das Wesen der amerikanischen Seele begründet. Und in derselben Ambivalenz sind auch seine Filme beheimatet. Gepaart mit der europäischen Handschrift und der Bescheidenheit ihres Urhebers, ergibt sich daraus grosse Filmkunst. In ihren mittelmässigen Momenten immer noch weit über dem Durchschnitt und in ihren besten für die Ewigkeit bestimmt.

Clint Eastwood ist mittlerweile 78 Jahre alt. Am Ende von «Gran Torino» denkt man sich: es ist immer noch dasselbe Gesicht wie damals bei Sergio Leone. Natürlich ist es faltiger geworden. Doch diese Falten erzählen Geschichten. Und wenn Eastwood lächelt, dieses bubenhafte Lächeln voller Schalk, dann weiss man: der Mann hinter diesem Gesicht ist nicht älter, sondern bloss weiser geworden.

Clint Eastwood im Interview:

Charlie Rose: An hour with Academy Award-winning filmmaker Clint Eastwood on Tuesday, December 19, 2006 »

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