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das kulturelle Überformat

Dossier

DOSSIER RICHARD YATES – Ein Plädoyer

Die «Bombe auf Rädern»

Zu Lebzeiten verkannt und seine Werke lange Jahre nicht mehr im Druck, sollte der Beginn des 21. Jahrhunderts zum grossen Revival von Richard Yates werden. Mit der Wiederveröffentlichung seiner Werke in den USA und auch in Deutschland sowie der brillanten Verfilmung seines Meisterwerks «Revolutionary Road» durch Regisseur Sam Mendes, steht der Entdeckung eines literarischen Genies eigentlich nichts im Wege. Wenn da nicht F. Scott Fitzgerald und John Updike wären… Ein Plädoyer zugunsten dieses aussergewöhnlichen Chronisten des Kleinbürgertums.

Rudolf Amstutz·5. November 2012·8 Min.

«To write so well and then to be forgotten is a terrifying legacy.»

Stewart O'Nan, Schriftsteller


«I wish to record my debt of gratitude to the stories and novels of Richard Yates, a writer too little appreciated.»

Richard Ford, Schriftsteller

Es wurde viel geschrieben über Richard Yates. Sehr viel sogar. Meist von Schriftstellerkollegen. Das ist mit ein Grund, weshalb man Richard Yates stets einen Writer’s writer nannte, einen Autoren also, der fernab vom Publikumserfolg mit seinen Werken die Berufskollegen begeistert und inspiriert.

Doch eigentlich ist Yates alles andere als ein Writer’s writer. Er benutzte weder eine künstlerische Sprache noch transportierte er inhaltlich elitäre Ansprüche. Mit der Anmut und Schlichtheit seiner Sätze hätte ihn das Publikum eigentlich lieben müssen. Keinen versteht man so gut, keiner drückt sich klarer aus als Yates. Sein einziges Problem: er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Und dies – obwohl er nur über eines schrieb: über uns. Wir, die ganz normalen Menschen, die dem Mittelstand, dem Durchschnitt, der Mehrheit angehören. In Yates’ sieben Romanen und den zahlreichen Kurzgeschichten begegnen wir stets Personen, denen das anfängliche Glück des Alltags langsam und stetig abhanden kommt. Nicht durch äusserliche Umstände, sondern durch die wachsende Unzufriedenheit über den Status quo. In ihnen erwachen Träume, Hoffnungen – die Sehnsucht nach dem Aussergewöhnlichen. Yates’ Protagonisten fühlen sich inmitten der täglichen Routine nicht wohl, weil sie sich etwas Besseres erhofften. Sie versuchen der drohenden Tristesse zu entkommen. Und: alle scheitern sie in den Geschichten von Yates. Oder wie der Autor Richard Price es trefflich formuliert: «In the beginning of things their eyes are as wide as dishes. In the end, their longing will be the very knife that runs them through».

Jetzt fragen Sie: Ja, wer will denn so etwas lesen? Diese traurigen Geschichten, in denen sich die Hoffungslosigkeit durch die Hintertüre in das traute Eigenheim schleicht und langsam den Sinn der Existenz, auch wenn er bloss Illusion war, unterspült? Lesen heisst doch: in ein Buch gucken und nicht in den Spiegel.

Richard Yates erster Roman erschien 1961. Auf «Revolutionary Road» (siehe Beitrag in diesem Dossier) war Richard Yates stolz. Er wusste, dass das Buch gut war, weil es kein Zeitgeistroman war, sondern ein Roman zur Zeit. In den USA lebte man in den Fünfzigern zwischen den schier unerschöpflichen Möglichkeiten des Wirtschaftswunders und der Furcht, bei der raschen Industrialisierung und Technisierung der Welt den Anschluss zu verlieren. Yates war jener Autor, der das Psychogramm dazu lieferte. John Updike, der ein Jahr zuvor den ersten seiner «Rabbit»-Romane («Rabbit, Run») vorlegte, gilt als Meister des Vorstadtromans, als der exakte Beobachter des amerikanischen Mittelstandes. «Revolutionary Road» war dagegen das mit chirurgischer Präzision herausgearbeitete Röntgenbild dieses Alltags.

Es ist erstaunlich, dass Yates mit dieser klaren, schlichten und geordneten Sprache die komplexesten Dinge beschreiben konnte. Dieser von klaren Strukturen geprägte Stil stammte aus der Feder eines Mannes, dessen eigenes Leben als chaotisch zu bezeichnen eine schlichte Untertreibung ist. Yates war cholerisch, unorganisiert, der Trinksucht verfallen und der wohl uneinsichtigste Kettenraucher aller Zeiten. Im Prinzip ist er das Paradebeispiel für den Künstler, der leidet, um daraus Grosses zu erschaffen.

Yates wurde 1926 geboren, die Eltern waren beide nikotinsüchtig und dem Alkohol verfallen. Als er drei Jahre alt war, trennten sich die Eltern. Gemeinsam mit der Mutter, die sich stets als eine höher Geborene betrachtete, die aus eigener Sicht dazu verdammt war, unter Stand ein Leben zu führen, zogen er und seine Schwester von Stadt zu Stadt – oft mehrmals im Jahr – um den drohenden Schuldenbergen, die sich unter dem mütterlichen Lebensstil jeweils aufgetürmt hatten, zu entkommen. Europa lernte er durch den Krieg kennen. Danach wurde klar, dass Yates gesundheitliche Probleme hatte. Nach zahlreichen Lungenerkrankungen wurde bei ihm Tuberkulose festgestellt. Was ihn am trinken und rauchen nicht hindern sollte. Danach jobbte er in New York bei diversen Magazinen und begann zu schreiben. Yates’ Traum, dass der ehrwürdige New Yorker zu seinen Lebzeiten noch eine Kurzgeschichte von ihm veröffentlichen würde, sollte nie in Erfüllung gehen. Dank Monica McCall, seiner umtriebigen und unnachgiebigen Agentin erschienen seine Geschichten in Atlantic Monthly, Esquire und Cosmopolitan. Und 1960 beendete er «Revolutionary Road». Als der Roman ein Jahr später erschien, traf sich Yates mit Freunden, um zu feiern. Die Kritiken zum Buch waren verheerend und zur Tuberkulose gesellte sich der erste von mehreren psychischen Zusammenbrüchen.

Yates hatte es nie geschafft, von seiner Literatur zu leben. Im Gegenteil: Die schwachen Verkaufszahlen von «A Special Providence» mündeten in eine Schuld gegenüber dem Verlag von 13'000 Dollar. Und der Autor selbst sah sich verdammt dazu, an diversen Universitäten kreatives Schreiben zu unterrichten. Er schrieb Drehbücher zu Hollywood-Filmen, die nie realisiert wurden und 1963 – im Todesjahr von John F. Kennedy – wurde er zu dessen Redenschreiber ernannt. Die erste Frau (zwei Kinder) liess sich ebenso von ihm scheiden wie die zweite (ein Kind). Und 1976 setzte er sein Appartment unabsichtlich in Brand und trug neben Verbrennungen einen bleibenden Lungenschaden davon.

Keiner seiner literarischen Zeitgenossen hat auch nur eine ähnliche Vita zu bieten. Updike, Heller, Cheever, Pynchon, DeLillo, Roth führten und führen ein von der Literatur getrenntes Leben, während Yates wie Raymond Carver nicht nur ungewürdigt blieb, sondern auch unumstösslich an der eigenen Existenz litt. Bei keinem anderen aber, taucht das persönliche Leben verborgen in seinen Protagonisten derart eindeutig im eigenen Werk wieder auf.

F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway waren seine grossen Vorbilder. Seine eigenen Jünger sind zahlreich und bleiben unermüdliche Verfechter von Yates. Richard Ford und Stewart O’Nan sind nur zwei der prominentesten Fürsprecher. Ihnen ist es auch zu verdanken, dass vor einigen Jahren die Werke von Yates, die nach dessen Tod 1992 von den Regalen der Buchhandlungen verschwanden, wieder neu aufgelegt wurden. Ein anderer Jünger ist Richard Price, der mit «Freedomland», «Clockers» und «Lush Life» grosse Erfolge feiert. Er schildert in der jüngst erschienenen Werksammlung von Yates in der «Everyman’s Library» im Vorwort seine erste Begegnung mit dem Vorbild. Yates war 1974 an der Kunstschule der Columbia University in New York tätig. Und Price – 24 Jahre jung – soeben mit dem Roman «The Wanderers» zum Jungschriftsteller geworden. In der West End Bar gesellte sich der Schüler zum hinter Dunstwolken und Whisky-Fahnen verborgenen Lehrer, der ihm hinsichtlich der Buchverlage den Ratschlag gab: «Sieh bloss zu, dass die Bastarde Dich bezahlen. Weisst Du, Ich habe mal einen guten Roman geschrieben, den Du sicherlich nicht kennst. Wie solltest Du auch? Warst ja noch Kind, bist ja noch immer eines. Sieh einfach zu, dass Dich diese Bastarde bezahlen.» Price kam damals zum Schluss: «He was bitter.» Und: «He had every right to be bitter.»

Kurz bevor der depressive und todkranke Yates starb, lehrte er an der Universität von Alabama. Dort nannte man ihn bloss die «Bombe auf Rädern». Auf dem Campus stieben die Leute davon, wenn sie Yates mit seinem alten rostigen Mazda kommen sahen. Seit langem wegen seiner Lungenkrankheit auf ein Sauerstoffgerät angewiesen, fuhr Yates den Wagen bloss mit seinen Knien. In der einen Hand hielt er die Sauerstoffmaske, in der anderen die qualmende Zigarette…

Und heute, genau 20 Jahre nach seinem Tod, ist der ideale Zeitpunkt, um Yates wieder zu feiern. Wie jene Protagonisten der fünfziger Jahre, befinden wir uns erneut in einem Zeitalter der Unsicherheit. Die Identitätssuche wird verschleiert durch das Abfeiern von Promis in Zeitschriften und im Fernsehen. Der Inhalt steckt hinter einer Glitzerwolke fest, alle lächeln und das wirtschaftliche Gefüge fühlt sich an wie ein drohendes Erdbeben. In diesen Zeiten kann einen der Pessimismus von Yates aus der Patsche helfen. Lieber in den Spiegel schauen, solange noch einer da ist.

Ja, Richard Yates wäre heute der richtige Mann zur rechten Zeit. Doch das Pech verfolgt den Mann auch noch nach seinem Tod. Ausgerechnet zum Zeitpunkt als «Revolutionary Road» als Film in die Kinos kam und Zeitungen und Fernsehen erneut auf die Grösse von Richard Yates aufmerksam machen wollten, starb John Updike. Damit wurde in den Nachrufen erneut die Meisterschaft in der Schilderung des Alltäglichen seinem «Konkurrenten» zuerkannt. Und es kam noch schlechter: die Verfilmung von Sam Mendes wurde bei den Nominierungen für die Oscars schändlich übergangen. Sieger in dieser Sparte wurde «The Curious Case Of Benjamin Button», bekanntlich ebenfalls eine Literaturverfilmung. Aus der Feder seines grossen Idols F. Scott Fitzgerald. Oder wie sagte Richard Price nochmal: «He had every right to be bitter.»

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Webseite: The Richard Yates Archive »

Hören: Richard Yates liest seine Kurzgeschichte «The Best Of 
Everything» (4.10.1978) »

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