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Dossier

DOSSIER: FUSSBALL – Die «musikalische» Seite

«Dann Macht Es Bumm» oder wenn Fussball singt...

Von Nationalmannschaftschören über den singenden Fussballer und die grölende Fankurve plus ein Treffen mit dem von Manchester United beauftragten Hofkomponisten: wenn Fussball singt oder die zweifelhaften Versuche, sich in die Charts zu schmuggeln.

Hanspeter Künzler·5. Juni 2008·10 Min.

Am Ball wesentlich besser: Pelé.
Am Ball wesentlich besser: Pelé.

Ein Fussballer, der auch singen kann – der perfekte Popstar. Ein athletischer Typ, sozusagen zum Posterheld herangezüchtet, der es verstünde, den euphorischen Effekt des entscheidenden Tores in erhebende Töne zu fassen – er wäre eine wandelnde Goldgrube. Es mangelt in der Tat nicht an Versuchen, diese Goldgrube zu erschliessen. Nur: was dabei herauskommt, erreicht selten das Niveau der hinteren Ränge des Eurovision Song Contests. Auch die Versuche arrivierter Künstler, ein Fussballereignis mit einem Lied zu feiern, verkommen meist zu einer Ansammlung von textlichen Klischees über Torhunger, Ballballett, Nationalstolz und irre Torhüter. Viele Fussballkomponisten scheinen durch die Hoffnung irregeführt zu werden, dass ihr Lied dereinst tausendstimmig durch die Fankurve schallen würde. Sie halten sich deswegen an banalste Texte und simple Melodik, anders würde sich das Kommunalgehirn ja nie daran erinnern können. Dabei beweist zumindest der FC Manchester United, dass es auch anders geht. Manchester United verfügt nämlich quasi über einen Hofkomponisten.

Udo Jürgens besingt Helmut Schön.
Udo Jürgens besingt Helmut Schön.

Er heisst «Boyley» – genauer: Pete Boyle. Er kann weder singen noch Gitarre spielen, noch Melodien erfinden, noch gar tanzen. Seine durchgeschüttelten Reime tun der schönen englischen Sprache viel Gewalt an. Das hält ihn weder vom Singen noch vom Reimen noch vom Tanzen ab. Wenn es um die siegbringende Stimmung seiner Idole geht, kennt er keine Schamgefühle. Ein überragendes Talent hat er nämlich: er ist ein gesegneter Exhibitionist. Einer, der es nicht versäumt, in Sachen Spass konsequent auf den eigenen Vorteil zu schauen. «Ich bin ein verhinderter Rockstar!» dröhnt es durch den für ein Treffen mit ihm obligaten Pub. «Wenn ich schon kein richtiger Rock’n’Roll-Star sein kann, dann kann ich wenigstens ein Rock’n’Roll-Leben führen. Und glaub mir – das tue ich, und zwar in vollen Zügen!» Ein bisschen richtiger Rockstar ist er sowieso: wenn Boyley im Stadion ankommt und sich auf den Sitz zubewegt, in den seine Leibesfülle kaum passt, johlt es rundum nicht den noch in der Garderobe hockenden Spielern zu, sondern ihm: «Boyley, give us a song!» Es erfüllt den Star und Volkshelden mit Stolz. «Meine Tochter, sie heisst übrigens Laura Jane Cantona Boyle, meinte jahrelang, mein richtiger Name laute Peter Boyley- give-us-a-song!»

Dreizehn Jahre alt war er, als er in Old Trafford zum ersten Mal aufstand, um ein Ständchen zu geben. 1993 gewann ManU doch noch den Meistertitel. Es war das Jahr, wo Boyley seine ersten Schritte Richtung Starruhm tat. Er hatte angefangen, Pophits und Volkslieder mit neuen Texten für ManU-Supporter zu versehen. Jetzt veröffentlichte er die erste Kassette – betitelt «Songs From The Bathtub», «weil mir die Lieder alle im Bad einfielen». Es schadete seiner Publicity nicht, dass er kurz darauf einer Wette zuliebe nackt über den Rasen von Crystal Palace rollte. Und dass er anfing, seine flotten Texte zu vervielfältigen und vor dem Match im Pub zu verteilen. Nach einer weiteren Kassette – «Bathtub Revisited» – erfolgte im Frühling 1995 der endgültige Durchbruch. Zwei Tage nach der Geburt seiner ersten Tochter am 23. Januar 1995 flog der von den Fans angehimmelte Eric Cantona bei Crystal Palace ins Publikum, um einen unflätigen Supporter mittels Kung-Fu-Kicks mundtot zu machen. Das restliche Land verlangte lautstark eine lange Sperre für den Franzosen. Boyley, nunmehr Student und Hausmann, schleppte einen Haufen Freunde und Bierdosen ins Studio und nahm die Single «Eric The King» auf. Sie schaffte es auf Rang 82 in den Popcharts. Boyley fuhr für Cantonas Gerichtstermine zwecks moralischer Unterstützung nach London. Er verfolgte die Verhandlungen von der Tribüne aus und unterhielt in den Pausen die versammelte Presse mit seinen Faxen. Die Cantonas wussten es zu verdanken. «Beim Gedenkspiel für die Opfer von München lehnte sich Isabelle Cantona, seine Frau, zu mir herüber und sagte: ‹’ello Peter.› Ich sagte: ‹Sie kennen mich?› Isabelle sagte: ‹Aber natürlich – nach all dem, was Du für Eric getan hast!»

Neue Kassetten folgten: «Behind the Shower Curtain» und «Chanting Boozy in a Jacuzzi». Boyleys Methode blieb dieselbe. Als enzyklopädischer Fan von englischer Gitarrenmusik aus den achtziger Jahren verfügte er über einen reichhaltigen Schatz von Melodien. So wurde aus «Love Will Tear Us Apart» von Joy Division «Giggs Will Tear You Apart». Ein Stück von den im ganzen Land als Verlierer abgestempelten Inspiral Carpets kommt neu mit folgendem Text daher: «This is how it feels to be (Man) City, this is how it feels to be small, this is how it feels when your team wins nothing at all, nothing at all.» Die unantastbaren Stars von ManU wissen die Liebesmühe zu schätzen. Sie spielen ihm Pässe für die «Players’ Lounge» zu. Selbst David Beckham – ein Mann, der ganz bestimmt nicht singen kann – sei freundlich gewesen zu ihm. Letztlich ist Boyley in seinem Rock’n’Roll-Leben nur eines wichtig: «Wenn ich nur das Geld habe, jeden ManU-Match zu sehen, bin ich glücklich.»

Der Fussballsong aller Fussballsongs ist «You’ll Never Walk Alone», quasi die Nationalhymne des FC Liverpool. In den frühen Sixties beugte sich der Disc Jockey im Anfield-Stadion dem Zeitgeist und spielte vor dem Spielbeginn die Singles aus der neuesten Hitparade, angefangen mit Rang zehn, aufgehört, kurz vor dem Anpfiff, mit der Nummer Eins. «You’ll Never Walk Alone» – eine Nummer aus dem Rodgers & Hammerstein-Musical «Carousel» von 1945 – erreichte in der Version von der Liverpooler Beat-Kombo Gerry & The Pacemakers die Chartspitze im Oktober 1963 und blieb dort vier Wochen lang hängen. Als der Hit langsam verklang, war er unter den Fans bereits zum Evergreen avanciert. Sie stimmten ihn an, sobald die letzten Töne des momentanen Top-Hits verklangen, so dass der Massengesang nahtlos ins traditionelle Gebrüll überging, das den Anpfiff begleitet. Durch die akustischen Verhältnisse im Stadion bekommt dieser Vortrag eine emotionelle Wucht, wie sie auf einem Fussballplatz sonst kaum je zu erleben ist. Dem Gegner rutscht unweigerlich das Herz in die Socken. Damit darf sich das Publikum jedes Mal selber ein Kränzchen winden, wenn die Reds mal wieder als Sieger vom Platz stolzieren. Pink Floyd erkannten 1971 die Kraft dieses Moments – 1971 liessen sie das Stück «Fearless» (vom Album «Meddle») vor dem endgültigen Ausklingen in eine Aufnahme der versammelten Kopfstimmen übergehen.

Die englische Zeitrechnung punkto Fussballsongs mit Hitparadenpräsenz beginnt 1970. Damals feierte die englische Nationalmannschaft ihren Abflug an die WM in Mexiko mit der Hymne «Back Home» und erreichte damit prompt die Spitze der Hitparade. Danach war die Flut von Fussball-, beziehungsweise Fussballer-Gesängen nicht mehr aufzuhalten. 1972 brachte es auch der Glamour-Club Chelsea in die Top 10, und zwar mit «Blue Is The Colour», erschienen auf dem Indie-Label Penny Farthing. Für den Klub war dies keine Eintagsfliege. 1994 schaffte er es mit «No One Can Stop Us Now» auf Rang 23, 1997 mit «Blue Day» (unter Mithilfe von Madness-Sänger Suggs) auf Rang 22, und im Jahr 2000 mit «Blue Tomorrow» ebenfalls auf Rang 22. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Klub erst wieder Erfolge verbucht, seit er das Singen aufgegeben hat.

Gerd Müller: «Dann macht es bumm».
Gerd Müller: «Dann macht es bumm».

Praktisch jeder englische Klub, der etwas auf seine zeitgeistige Coolheit hält, hat eine Teilnahme am Cup-Final, einen Meistertitel oder einfach den Saisonbeginn mit einer putzigen Single zelebriert. Der Untertitel einer englischen Website über die Verbindung von Musik und Fussball trifft den Charakter der resultierenden Songs perfekt: «Football and music», heisst es da, «kicked wide of the goal with such precision». Die Hits blieben dennoch nicht aus. Wencke Myhre schlug 1969 den Ton an mit der klanggewordenen Schreckensvision jedes Goalies. «Er Steht Im Tor» («...im Tor, im Tor, und ich dahinter!») – zählt aber insofern nicht, als Myhre weder selber einem Klub angehörte noch mit ihrem Lied einen spezifischen Spieler meinte. Einen lupenreinen Fussballerhit servierte indes Top-Torjäger Gerd Müller, der 1974 mit «Dann Macht Es Bumm» rundum für Schunkelvergnügen sorgte. Zwei Jahre später knackte der damals in Hamburg kickende Kevin Keegan unter dem Pseudonym «Mighty Mouse» die deutschen Top 10 mit dem Superschlager «Head Over Heels In Love». Die grosse Epoche käsiger Fussballsongs brach anfangs der achtziger Jahre an und dauerte bis zum Ende der Neunziger an. Besonders in Deutschland erwuchsen aus der musikalischen Verwandtschaft von Schlager und Fussballgesang einige veritable Surrealitätsperlen, allen voran «Far Away In America», das Lied für die WM in den USA, eingesungen von der Deutschen Nationalmannschaft zusammen mit…ja, Village People. Schon fast gediegen war die Single «Der Mann Mit Der Mütze», welche die deutsche Nationalmannschaft mit Udo Jürgens zu Ehren des abtretenden Bundestrainers Helmut Schön veröffentlichte. Ein absoluter Klassiker unfreiwilliger Lustigkeit ist schliesslich das Party-Album von Paul Gascoigne, «Gazza and Friends – Let’s Have A Party». Es findet sich darauf nebst Medleys von Elvis- und Gilbert O’Sullivan-Songs auch ein House-Mega-Mix von Mendelssohns Violin-Concerto, Mozarts «Eine kleine Nachtmusik» und allerhand grosser Momente aus der Feder von Tschaikowsky.

Derweil aus Afrika schon vorher swingende Fussball-Hymnen zu hören waren (der Hi-Life-Künstler Pat Thomas widmete einmal eine ganze LP dem Fussball, gerade hat der Ex-Internationale Umaru Rahman aus Sierra Leone ein durchaus hörenswertes Lied über Manchester United veröffentlicht), kam die musikalische Wende in Europa erst im Jahr 1989. In dem Jahr erschien nämlich das Album «The English Disease» unter dem halb ironisch gemeinten, halb liebevollen Banner Barmy Army. Die Barmy Army war der Boulevardpresse zufolge das Hardcore-Hooligan-Gefolge von West Ham United. Diese Barmy Army war aber das Studioteam um den Reggae-Produzenten Adrian Sherwood, zu dem so grossartige Musiker gehörten wie der jamaikanische Schlagzeuger Style Scott sowie Skip McDonald und Doug Wimbish, einst das Rückgrat der Studioband vom pionierhaften Hip-Hop-Label Sugar Hill Records. Aus einer Reihe von beinharten Reggae-Grooves und Samples aus dem Stadion und vom TV bastelte Sherwood ein Album zusammen, das mehr über sein Verhältnis zu «seinem» Team und zum Sport überhaupt aussagte als ein dickes Buch, und zudem mit atemberaubender musikalischer Innovation aufwartete. Sherwood mag heute als Randfigur erscheinen, damals aber war er einer der einflussreichsten Produzenten in Grossbritannien.

Wenig später versuchten sich auch andere «coole» Künstler ganz unironisch an Fussballliedern, so New Order, die 1990 mit dem englischen Team «World in Motion» einspielten und John Barnes zum Rapper beförderten. Pet Shop Boy Chris Lowe war 1993 am doch wieder eher dubiosen Versuch beteiligt, den Arsenal-Kicker Ian Wright mit «Do The Right Thing» zum Hitparadenstar zu machen. Den Lightning Seeds gelang 1998 mit «Three Lions» ein richtig knackiger Britpop-Hit, im gleichen Jahr veräppelten Fat Les (Blur-Bassist Alex James, Comedian Keith Allen und Künstler Damien Hirst) die Nation mit dem absurden Über-Fussballsong «Vindaloo». Die neue Tradition von starker Fussballmusik hat übrigens auch vor der Schweiz nicht halt gemacht. So taten sich für die letzte WM allerhand Grössen aus dem Rap- und Indie- Underground wie Göldin und die Allschwil Posse für die Sammel-CD «Strassenfeger – WM Music aus Zürich» zusammen. Aus der besten schweizerischen Fussball-Single aller Zeiten wurde indes leider nichts. Die Zürcher Reggae-Band The Ganglords hatte so charmant wie geschickt den alten Boney M.-Hit «Daddy Cool» zu einer Ode an «Köbi Cool» umgewandelt. Der Autor des Liedes, Frank Farian, stoppte die Veröffentlichung, weil er darin eine Konkurrenzierung seines bald Premiere feiernden Boney M.-Musicals befürchtete.

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