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das kulturelle Überformat

Interview

Interview mit Camille

«Stimme hat viel mit Physik zu tun»

Mit «Music Hole» hat sich die Sängerin Camille fast gänzlich von herkömmlichen Instrumenten verabschiedet. Die Dreissigjährige setzt dabei mit schier uneingeschränkter Kreativität auf die Klänge des eigenen Körpers. TheTitle. hat die Französin zum Gespräch getroffen.

Rudolf Amstutz·7. November 2011·10 Min.

(Dieses Interview erschien erstmals in TheTitle No. 13 / 4.4.2008)

Ausserhalb Frankreichs wurde Camille vor allem als Gastsängerin der Band Nouvelle Vague einem grösseren Publikum bekannt. Im eigenen Land dagegen gehört sie zu den erfolgreichsten Protagonistinnen einer neuen Generation. Dabei unterscheidet sich Camille von den anderen Vertreterinnen und Vertretern des «nouvelle chanson» dadurch, dass es ihr immer wieder darum geht, stilistische Grenzen aufzureissen.

Ihre Musik ist eine Ansammlung von schier unendlichen Einfällen. Ihre Waffe, die sie nutzt, ist ihre Stimme, das zeigte sie bereits eindrücklich 2002 auf ihrem noch stark dem Chanson verpflichteten Erstling «Le sac des filles», vor allem aber beim mit zwei «Victores de la Musique» («Album révélation de l'année und «Artiste révélation scène de l'année») ausgezeichneten Zweitling «Le Fil» von 2005.

Die Reduktion der Masse führte sie weiter auf dem Album «Live au Trianon» ein Jahr später. Und nun, auf «Music Hole» hat neben den Klängen von Stimme und Körper gerade noch ein Piano als Kontrapunkt Platz. Das Stimmwunder Camille überrascht auf ihrem neuen Werk mit Einsichten zwischen Melancholie und Humor. So singt sie in «Money Note» augenzwinkernd «I just want to beat Mariah», währenddem sie in «Katie’s Tea» die Textzeile «Lipton Twinings PJ tips Tat ou Tetley» als Rhythmusunterlage verwendet. Camilles ernstere Seite lässt sich in Liedern wie «Kfir» finden, in dem der Schmerz des Nahostkonflikts mit dem Satz endet: «Le soleil de ton pays est le même que celui du pays ennemi».

Camille, Ihr neues Album hat einen interessanten Titel: «Music Hole».

Camille: Weshalb finden Sie ihn interessant?

Aus zwei Gründen: Miles Davis hat einmal gesagt, die Löcher, also jene Noten, die er nicht spiele, seien genauso wichtig, wie jene, die er spiele. Und zum zweiten sind Sie auf dem Cover vor einem schwarzen Hintergrund abgebildet – das wirkt wie ein Schwarzes Loch. Das wirkt für mich wie ein Sinnbild für all die Einflüsse, die Sie in Ihrer Musik aufsaugen.

Das ist eine interessante Interpretation. Was das Schwarze Loch betrifft: die Stimme ist ja ein physisches, energetisch ungemein starkes Element. Am Anfang war mit «Hole» eigentlich nichts weiter als der Mund gemeint. Die Öffnung, aus dem all die Klänge kommen. Und weil ja «Hole» praktisch nur aus Stimmen besteht, das ganze deshalb ungemein organisch ist und in einem gewissen Sinne auch traditionell, kann «Hole» auch jenes Loch sein, um das man sich früher versammelte, um zu singen oder mit dem Körper Geräusche zu machen, zu klatschen oder zu stampfen. Die Energie entsteht dabei durch unendliche Wiederholung derselben Muster und desselben Rhythmus, wobei sich der Körper immer mehr mit dieser Energie auflädt. «Hole» ist eine Mischung aus modernen Chansons und aus eben diesen urtümlichen Sachen, die ja weitaus länger als die Popmusik existieren.

«Hole» klingt wie «Whole», womit man wieder bei all den versammelten Elementen ist.

Ein Freund sagte mir, ich solle doch das Album «Music Whole» nennen, aber das wäre mir zu offensichtlich und zu visuell gewesen. Aber es stimmt schon: irgendwie ist es wie der Versuch einer «whole world in a hole».

Wenn man sich Ihre drei Studioalben anhört, angefangen bei «Le sac des filles» über «Le Fil» zu «Music Hole», so scheint es, Sie würden an einer Reduzierung Ihrer Musik arbeiten. Wie sehen Sie Ihre persönliche musikalische Entwicklung?

Ich denke, unser ganzes Leben versuchen wir uns von überflüssigen Dingen, die uns letztlich nicht weiterbringen, zu befreien. Und ja, in meiner Musik versuche ich auch die Dinge wegzulassen, die ich nicht brauche. Je mehr dieser Dinge man loswerden kann, umso wertvoller werden die Dinge, die man zurückbehält. Auf «Music Hole» sind nur noch Stimmen und Körper zu hören. Das einzige herkömmliche Instrument, das ich noch benutze, ist Klavier. Weil es für mich den deutlichsten Kontrast zur Stimme bildet, vor allem was seine Resonanz und die harmonischen Möglichkeiten betrifft. Zudem hat das Klavier ganz klar voneinander getrennte Noten, während in einer Stimme alles, das zwischen den Noten liegt, ebenfalls zum Tragen kommt. Stimmen sind was Flüssiges.

Wann haben Sie eigentlich realisiert, dass Sie Ihre Stimme in Zukunft als Instrument nutzen wollen?

Auf «Le Fil», denke ich, wurde mir zum ersten Mal klar, dass alles, was ich durch Musik ausdrücken möchte, vor allem durch Stimmen umsetzbar ist. Wenn ich meine Stimme als Beatbox einsetze, muss ich einem Schlagzeuger nicht versuchen zu erklären, was ich jetzt eigentlich von ihm benötige. Es fühlt sich einfach organischer an, mehr bei sich selbst. Ich denke, bereits als Baby, bevor wir eine Sprache sprechen, experimentiert man mit Klängen. Das Reden und das Singen kommen erst viel später.

Also auch eine Rückkehr zu den eigentlichen Anfängen?

Die Stimme hat soviel mit Physik zu tun. Wir werden in unserem Streben nach Etwas ja permanent auf die Grenzen aufmerksam gemacht – über die Gesetze der Physik können wir uns nicht hinwegsetzen, sei es wenn wir ein Flugzeug pilotieren oder ein Brot backen. Mit der Stimme erlebt man diese Grenzen auch immer wieder, aber auf eine fliessende Weise. Zudem ist unsere Stimme ja ein interaktives Instrument, mit dem wir Vibrationen ausstrahlen.

Und Vibrationen empfangen…

Genau. Man ist Absender, aber auch Empfänger. Wichtig ist, dass man permanent offen bleibt, um Einflüsse zu sammeln, um Dinge zu erkennen. Sie danach zu verarbeiten, das ist dann die Arbeit. Die Dinge Musik werden zu lassen.

Hört man sich die neuen Lieder wie «Gospel With No Lord» oder «Cats and Dogs» an, klingen sie zugleich sehr strukturiert und arrangiert, aber eben auch erfrischend spontan.

Wenn man offen ist, fallen einem die Dinge zu. Danach gibt man ihnen eine Struktur. Aber ich mag es nicht, Demos aufzunehmen. Ich gehe lieber mit der Idee und der gedachten Struktur ins Studio, damit das Ganze im Fluss bleibt. Das Arrangement ergibt sich dann von selbst. Ich suche dann auch nicht nach der perfekten Aufnahme. Manchmal ist und bleibt der erste Gedanke der Beste. Und weniger ist immer mehr.

Da Sie oft mit sich selbst singen, also die eigene Stimme mehrspurig aufnehmen, sind Sie zu einem gewissen Grad auf die Technik angewiesen.

Ja, darin besteht natürlich eine Gefahr, weil man mit Software heute ja fast alles machen kann. Wenn ich mich mehrstimmig aufnehme, dann tue ich das nie nach der Methode Copy/Paste. Ich singe jede Spur neu. Ich würde die Technik auch nie dazu benutzen, meine Stimme zu verfremden. Ich versuche neue Sounds immer natürlich zu erzeugen.

Sie müssen ja auch fähig sein, den Song live umzusetzen.

Genau. Zudem sehe ich ein Studioalbum nicht als ein perfektes Abbild eines Zustandes. Für mich ist eine Platte ein Schnappschuss, ein «Making of», ein «Work in progress». Es zeigt bloss, wo ich mich künstlerisch zum Zeitpunkt der Aufnahmen befand.

Sie singen auf «Music Hole» sowohl in Französisch wie in Englisch. Zwei völlig unterschiedliche Sprachen mit unterschiedlichen Qualitäten.

Französisch ist mehr analytisch, aber auch intimer. Englisch dagegen ist eine sehr orale Sprache. Wenn man Französisch spricht, dann bleibt die Sprache vielmehr im Mund und es geht vielmehr um Konsonanten, die Vokale dagegen sind sehr knapp. A, E, I, O, U. Im Englischen geht es um den Diphtong, die Vokale werden fast schon gesungen. Sänger machen sich dies zunutze und bleiben manchmal ewig auf dem Vokal hängen, so wie Yeeeeeaaaaaaaaahhhhhhh (singt). Ich benutze Englisch mehr, um Geschichten zu erzählen, um etwas auszubreiten, Französisch eignet sich dagegen gut für den perkussiven Ausdruck und für den Subtext.

Fühlten Sie sich demnach mit der französischen Sprache zu limitiert?

Nein, aber ich denke, Sprache ist ein wichtiger Bestandteil von Musik.

Dann sind Sie immer auf der Suche nach Sprachen?

Ich habe letzten Sommer in Paris ein Konzert mit geistlichen Liedern gegeben, viele davon sehr alt und mit den verschiedensten Sprachen. Ich will diese Sprachen nicht lernen, vielleicht ist es sogar gut, dass ich einige davon nicht verstehe. Mich interessiert der Klang dieser Sprachen und wie man mit diesem Klang experimentieren kann. Sprachforschung ist für mich Musikforschung, weil Sprache der Schlüssel zur Musik darstellt. Die Melodie einer Sprache sagt ja auch schon sehr viel aus über die Region, aus der sie stammt.

Und über die Mentalität der Leute, die sie sprechen.

Ja. Aber auch umgekehrt. Die Melodie einer Sprache beeinflusst die Mentalität und die Mentalität der Menschen beeinflusst den Umgang mit der Sprache.

Franzosen oder Deutsche benötigen drei Sätze, um dasselbe zu sagen wie ein Amerikaner in ein paar Wörtern.

Exakt. Die gehen immer voll auf den Punkt. Amerikanisch ist sehr pragmatisch, aber gleichzeitig auch äusserst evokativ. Man kann sehr viel mit einem einzigen Wort ausdrücken, weil vieles reduziert und aufsummiert wird. Auf eine ganz besondere Weise, finde ich dies eigentlich ein sehr poetischer Zugang zu der eigenen Sprache, dem Englischen. Zudem mag ich bei vielen Wörtern den kohärenten Klang zur Aussage. «Whisper» klingt bei der Aussprache schon wie Flüstern. Das französische Wort «murmure» dagegen klingt völlig anders. «Snake» ist auch so ein Wort, in dem man die Schlange förmlich hören kann.

Kürzlich stand in der Zeitung, dass pro Jahr 38 Sprachen aussterben. Am Ende reden alle nur noch Englisch, aber beherrschen die Sprache nicht vollends, was zu einer Verkümmerung des Dialogs zwischen den Menschen führt.

Ja (seufzt). Ich habe mich auch gefragt, als ich für «Music Hole» das Englische benutzte, was bleibt eigentlich noch von meiner eigenen Sprache übrig? Das kann jeder für sich mal überlegen: wenn Englisch die eigene Sprache verdrängt, welche Wörter, welche Ausdrücke bleiben dann von der eigenen noch übrig. Das finde ich spannend.

Was auffällt beim Hören von «Music Hole» ist dieses Spiel mit den Kontrasten, das Sie betreiben. Melancholie und Humor geben sich dabei die Hand. Trauriges klingt plötzlich lustig durch die Artikulation der Worte. Es scheint, als seien permanent zwei Seiten eines Menschen zu hören.

Gefühle werden meiner Meinung nach heute zu stereotyp verwendet. In der Werbung oder in vielen Hollywood-Filmen verwendet man diese Stereotypen als Struktur, um bestimmte Menschen zu charakterisieren. Die einen sind nur glücklich, die anderen stets böse. Aber die Gefühle eines Individuums sind komplexer. Mir geht es nicht darum, einfach nur zu weinen, wenn jemand stirbt, oder einfach nur zu lachen, wenn einer einen Witz erzählt.

In «Home Is Where It Hurts» stellen Sie die Verletzlichkeit in Zusamenhang mit jenem Ort, den die meisten mit Geborgenheit assoziieren.

«Home» steht nicht immer für «Home Sweet Home». Zuhause wird man mit seinen Ursprüngen und mit sich selbst konfrontiert. Es kann ein schmerzvoller Ort sein. «Home» steht aber in diesem Fall für vieles. Es könnte sich sogar um den eigenen Körper handeln, in dem Liebe und Schmerz gleichzeitig zuhause sein können.

Sind die Musikerinnen und Musiker, mit denen Sie auf «Music Hole» zusammenarbeiten, enge Freunde, mit denen sie sich ständig kreativ austauschen? Oder sind Sie bloss gebucht für die Aufnahme?

Sowohl als auch. Mit Majiker arbeite ich seit Jahren zusammen. Pianist Jamie Cullum habe ich mal gehört, als er einer meiner Songs coverte und dachte, dass er einen interessanten Zugang zu diesem Lied offenbarte. Also dachte ich, könnten wir auch mal gleich von Beginn weg gemeinsam arbeiten.

Gibt es Künstler, die Sie beeinflusst haben? Oder in denen Sie Verwandtes entdecken?

(denkt lange nach)

Wenn es keine gibt, dann dürfen Sie auch nein sagen.

Nein nein, ich denke bloss, dass es natürlich Künstler gibt, die ich mag. Aber wenn ich sie nicht persönlich kenne, weiss ich nicht, ob ich bloss meine Fantasie, meine eigene Projektion von ihnen mag. Beeinflusst wird man immer am meisten von den Menschen, mit denen man zusammen lebt oder mit denen man aufgewachsen ist.

In «Sanges Sweet» besingen Sie Ihr Leben so, als wären Sie bereits an dessen Ende angelangt. Das ist überraschend für eine Dreissigjährige.

Nun, Joni Mitchell sang «I’ve looked at life from both sides now». Und da war sie 25. Dreissig Jahre später hat sie es dann neu aufgenommen. Das finde ich interessant. Ich hoffe, dass ich das mit «Sanges Sweet» auch mal machen kann (lächelt).

Camille: «Hole» (Virgin)

Camille – Official «Hole» Website »

Camille – Official «Le Fil» Website »

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