Interview
Interview mit Nick Cave
«Ohne die Bad Seeds wäre ich nichts»
Nur ein Jahr nach seinem Grinderman-Projekt, präsentiert Nick Cave mit «Dig, Lazarus, Dig!!!» ein neues Album mit The Bad Seeds. Im Gespräch mit TheTitle. spricht der australische Songschreiber über die Band seines Lebens, den mörderischen Blick des Boulevards, seinen Zorn auf die Religion, Houdini, Monroe und die Schattenseiten der männlichen Begierde.
Irgendwas muss so in den letzten ein bis zwei Jahren mit Nick Cave passiert sein. Seine Verehrer aus alten Zeiten, in denen er als hagerer Selbstzerstörer seine vampirische Muse mit dem eigenen Lebensblut fütterte, hatten es die längste Zeit an ihm vermisst: jenes Rasen, das er Ende der neunziger Jahre gemeinsam mit seiner Alkohol- und Heroinsucht abgelegt hatte.
Stattdessen hatte Cave sich als gesundeter, glücklich verheirateter Familienvater, preisgekrönter Autor und harter Musikarbeiter neu erfunden, der perfekte Lovesongs konstruiert, ja hin und wieder gar ein bisschen trockene Satire anbringt. Mit der 2004 erschienenen Doppel-CD «Abattoir Blues / The Lyre Of Orpheus», die die ganze Bandbreite seines Songwritings und die gereifte Wendigkeit seiner Band, der Bad Seeds, im triumphalen Gala-Format präsentierte, war der inzwischen von London in die beschaulichere Seestadt Hove nahe Brighton verzogene, australische Wahlbrite endgültig in die Liga der Unantastbaren aufgestiegen.
Doch dann kam Grinderman, jenes aus der reduzierten Besetzung seiner sogenannten Solo-Tournee formierte Quartett mit Jim Sclavunos am Schlagzeug, Martyn P. Casey am Bass, Caves musikalischem Busenfreund Warren Ellis an Geigen, Gitarren und dergleichen. Es war die Rückkehr des Funkelns in Nick Caves Augen, die Rückkehr der – diesmal drogenfreien – Raserei, des Radau und des Rock’n’Roll.
Ein Jahr später treffen wir nun jenen neu angestachelten Nick Cave in einem verschlafenen Gentleman’s Club in Hove bei einer Tasse Tee, um mit ihm über «Dig, Lazarus, Dig!!!», das neue Album der Bad Seeds zu sprechen. Er trägt einen Gangster-tauglichen dunklen Dreiteiler mit weissem Steif und bezeichnenderweise immer noch den verdächtigen Schnauzer der Grinderman-Phase.
Nick Cave, als das letzte Bad Seeds-Album herauskam, hab ich Sie ein paar Strassen von hier entfernt in Ihrem Büro interviewt...
Ich hab jetzt ein anderes Büro.
Jedenfalls stand da ein Klavier herum, und es war sehr interessant, die Umgebung zu sehen, in der Sie Ihre Songs schreiben. Die neue Platte klingt nicht so, als wäre sie auf die gleiche Weise entstanden. Das hört sich mehr nach einer Gemeinschaftsarbeit der Band an.
Ist es aber nicht. Musikalisch gesehen habe ich die Hälfte dieser Platte allein, die andere Hälfte mit anderen Bandmitgliedern zusammen geschrieben. Ein Viertel hatte ich zunächst nur mit Warren Ellis und drei mit Warren, Martyn Casey und Jim Sclavunos aufgenommen, die nebenher auch die Mitglieder von Grinderman sind, aber wir taten das als Mitglieder der Bad Seeds. Es ist hoffnungslos verwirrend, also machen wir uns erst gar keine Sorgen darum. Was die Texte angeht, habe ich aber auch diese Songs in einem Büro geschrieben. Wo sollte ich sonst schreiben? Wo schreiben die Leute?
Vielleicht auf den Rückseiten von Briefumschlägen, währenddem sie die Welt bereisen?
Tatsächlich? So machen die das also. Ich reise die ganze Zeit um die Welt, und ich mache mir Notizen, und ich nehme verschiedene Dinge in mich auf. Aber ich brauche einen Ort, wo ich mich hinsetzen kann, ohne dass Leute um mich herum sind. Ich will nicht, dass die Leute mich dabei sehen, wie ich etwas zu erschaffen versuche, das ist das Wichtigste. Ich will das im Privaten tun. Ich will nicht, dass mir wer zusieht.
Das macht es auf eine gewisse Weise noch beeindruckender, denn Sie sind in Ihren Songs zu diesem Format zurückgekehrt, das ein bisschen nach Raserei klingt. Das ist sicher schwer zu Papier zu bringen.
Es war unglaublich schwer, um ehrlich zu sein. Das einzige, was ich von dieser Platte wusste, als ich mit ihr anfing, war, dass es eine Art Blutung von Texten sein sollte. Ich fand, dass ich mich bei Grinderman so gut wie möglich benommen und so einfache Rock’n’Roll-Songs wie möglich geschrieben hatte. Das gab mir die Erlaubnis, mich auf diesem Album ein wenig auszubreiten. Mir gefällt das, aber es brauchte einen Monat, bis ich die Worte dazu brachte, auf die richtige Art aus mir herauszukommen, und Songs zu schreiben, die nicht so klangen, als wären sie vom letzten Album gekommen. Das ist eigentlich eine schwierige Aufgabe.
Der Einfluss der Grinderman-Platte scheint in «Dig Lazarus Dig!!!» aber doch hörbar zu sein. Hat das vielleicht etwas mit der Band-internen Dynamik zu tun? Ist es nicht komisch, wenn ein Teil einer Band wie der Bad Seeds sich absondert, um gemeinsam sein eigenes Ding zu drehen und danach einer wie Mick Harvey einfach wieder dazu stösst?
Ja, das ist es. Aber das war auch eine der hauptsächlichen Motivationen hinter Grinderman: die Dinge ein bisschen aufzumischen. Es ging nicht darum, jemanden auszugrenzen, aber es war ein wunderbares Gegengift für Selbstgefälligkeit. Dies ist unser vierzehntes Bad Seeds-Album. Es gibt uns jetzt seit zwanzig bis dreissig Jahren, und es ist sowieso schon ein Wunder, dass die Band nicht Jahr für Jahr denselben Scheiss rausbringt. Wenn man so darüber nachdenkt, ist das schon aussergewöhnlich. Teilweise liegt das wohl daran, dass die Bad Seeds immer musikalische Umstürze durchmachen mussten, wo alle sich mit einer bestimmten Erwartung zusammenfinden und wir dann trotzdem etwas vollkommen anderes hervorbringen. Zum Beispiel als wir so etwas wie die «Murder Ballads» machten und dann als nächstes «The Boatman’s Call», wo ich einfach forderte, dass ich auf meiner Platte keine Gitarre hören will. Und dann stehen gewisse Leute aus der Band da und fragen sich, was zum Teufel sie da überhaupt tun. So kommt etwas Neues zustande.
Das sind aber alles Aufgaben, die Sie den anderen gestellt haben.
Ja. Und Grinderman ist etwas Ähnliches. Das hat einen wunderbaren Effekt auf die Bad Seeds ausgeübt. Wir hätten ganz leicht noch eine Ausgabe des «Abattoir Blues» machen können, und das wäre wunderbar angekommen. Alle mochten das, und wir hätten ganz einfach noch so eine breite, durchschlagende Platte machen können. Aber so weit ich sehen kann, haben wir das nicht getan, und dafür sind Grinderman verantwortlich. Einer wie Mick Harvey, der immer ein starkes Mitglied der Bad Seeds gewesen ist, musste nun seine Position innerhalb der Band neu definieren. Er spielt praktisch diese ganze Platte hindurch akustische Gitarre und macht damit einen wesentlichen Teil des Gesamtsounds von «Dig, Lazarus, Dig!!!» aus. Da ist sehr viel Mick drin, und für ihn ist das eine sehr gute Sache. Aber er musste erst mit einigen Dingen fertig werden, um an diesen Punkt zu gelangen.
Sie haben jetzt gerade eine gitarristische Handbewegung gemacht, die Bände über die vorwärts treibende, dynamische Rolle spricht, die Mick Harveys Gitarre gemeinsam mit Ihrer Stimme spielt. Es ist überhaupt eine sehr treibende Platte.
Ja, ich sagte zu Mick: Warum spielst du nicht einmal akustisch? Warum geben wir dieser Platte nicht einmal eine akustische Basis? Und darüber legen wir wirklich verrücktes elektrisches Zeug.
Das ist Warren Ellis’ Aufgabe.
Genau: Enter Warren Ellis. Aber die Trennung zwischen diesen beiden Elementen war der einzigartige Sound, den ich in meinem Kopf hörte, und zu einem grossen Teil klingt es nun auch wirklich so. Es ist nicht so, dass Grinderman daherkamen und alle aus dem Weg geräumt hätten. Alle anderen mussten bloss einen anderen Platz für sich finden.
Die Texte auf «Dig, Lazarus, Dig!!!» sind derart gespickt mit Referenzen, da tut sich eine Unzahl von Interpretationen auf. Bei «The Night Of The Lotus Eaters» kam es mir etwa so vor, als würde da ein klassisches Rock’n’Roll-Sinnbild auf den Kopf gestellt. Früher war der rückhaltlose Rockmusiker die klassische Verkörperung des Lotusessers. In Ihrem Text ist es dagegen der gesellschaftliche Mainstream mit seinem kopflosen Stolpern in den Klimawandel und seinem rasenden Kapitalismus, während der Erzähler sich davon entfremdet fühlt.
Ja, das stimmt. Das ist eine ziemlich akkurate Interpretation. Für mich ist dieser Song ein klassischer Ruf zu den Waffen. Ein Aufruf, auf die Strasse zu laufen, zu plündern und zu brandschatzen. Etwas bürgerliche Unruhe zu stiften. Get your sap!
Das ist ein Wort, das ich gar nicht kannte.
Niemand kennt es, es ist ein Stück Blei in einer Art Ledersocke, mit dem man jemandem über den Kopf schlägt. Und ein «heater» ist englischer Slang für eine Feuerwaffe. Ich singe: «Grab your saps and your heaters and hit the streets». Für mich ist es ein klassischer Song über das Wildsein auf der Strasse.
Was wiederum den im Titelsong vorkommenden Lazarus angeht: Sie haben anderswo schon Ihr Mitgefühl mit dieser biblischen Figur ausgedrückt, weil er von Jesus in die Welt zurückgeholt wird, ohne darum gebeten zu haben. Niemand hat ihn gefragt, ob er überhaupt auferstehen will. Aber der Lazarus in Ihrem Song scheint sich dabei zumindest am Anfang ganz gut zu amüsieren.
Ja, sicher. Als ich diesen Song schrieb, las ich ein Buch über Houdini, das einen enormen Einfluss auf den Text hatte, denn die Figur des Lazarus ist mit der des Houdini sehr verwandt. Beide sind berühmt dafür, dem Tod zu entrinnen. Und diese Fäden habe ich zusammengezogen, um einen Song daraus zu stricken. Aber es stimmt schon, am Anfang hat er eine gute Zeit dabei.
So weit ich weiss, wandte sich Houdini gegen Ende seines Lebens gegen den Spiritualismus.
Das stimmt.
Und auf dieser Platte verwenden Sie Ihre biblischen Referenzen auf eine auffällig respektlose Weise.
Das ist wahr. Und das verstört mich übrigens auch. Ich glaube, ich bin irgendwie zornig auf die Religion. Ich habe sehr viel Zeit und Gedanken in die Bibel investiert und darin, was sie mir bedeutet. Aber bei der Richtung, in die sich die Religion entwickelt und bei den Greueltaten, die im Namen Gottes begangen werden, wird einem schlecht. Das erklärt vermutlich die leichte Bitterkeit, die heutzutage meine religiösen Metaphern begleitet. Das hat meine grundsätzlichen Glaubenssätze nicht verändert, aber es hat sie auf jeden Fall herausgefordert.
Ich weiss nicht, wie konkret Sie sich politisch äussern wollen. Aber wir sprechen hier miteinander an jenem Tag, an dem gerade im Sudan eine britische Volkschullehrerin zu vierzig Peitschenhieben verurteilt wurde, weil sie ihre Schüler einen Teddybären Mohammed nennen liess. Religiöse Begriffe werden instrumentalisiert von den Gerichten...
...von Fanatikern.
...und Politikern.
Genau. Und wie ich sagte: Es ist sehr schwer, religiöse Metaphern zu verwenden, ohne diese Assoziationen im Hörer zu erwecken.
Da gibt es auch diesen Song «We Call Upon The Author To Explain», der oberflächlich das reflektiert, was Ihnen hier gerade passiert, wenn die Journalisten vor Ihnen sitzen und Ihre Worte erläutert haben wollen. Aber Sie sprechen hier offensichtlich auch über den Schöpfer.
Genau. Es ist eine lange ausgedehnte Beschwerde, von kleinen Dingen bis zu grossen Unglücken. Das ist eine Ausdrucksform, die man im Englischen als «screed» bezeichnet. Ich versuche dabei, einen gewissen Humor zu bewahren, um nicht wie ein grummeliger alter Mann zu klingen.
In Ihrem eigenen Kommentar zu den Texten, der an Journalisten verschickt wurde, haben Sie angedeutet, dass die Nummer «Hold On To Yourself» unter anderem von Valerie Solanas und ihrem Manifest für eine männerlose Gesellschaft beeinflusst sei. Aber aus dem Song selbst geht das nicht ganz hervor: da ist bloss ein Mann, der eine Frau begehrt, die weit weg ist, aber es ist nicht klar, ob sie sein Interesse teilt.
Was an diesem Song interessant ist, abgesehen davon, dass es ein wunderschönes Lied ist, ist, dass ich darin versucht habe, mich in den Kopf oder vielmehr den Körper einer Frau hinein zu versetzen. Oje, das klingt jetzt wirklich schlecht... Aber ich wurde von einer weiblichen Journalistin interviewt, die meinte jedenfalls, dass ich das ganz gut hingekriegt hätte. Ich fühlte mich dadurch bestätigt. Es hat natürlich absolut nichts mit Valerie Solanas zu tun, auch wenn Solanas einen starken Einfluss auf dieses Album ausgeübt hat, so wie einige andere Leute, die mich beeinflusst haben. Marilyn Monroe gehört auch dazu. Weil ich über dieses unglaubliche Interview mit ihr gestolpert bin, das sie gab, kurz bevor sie starb (Richard Merryman, «Last Talk With A Lonely Girl: Marilyn Monroe», Life Magazine 1962, Anm. des Verf.). Es ist das Schönste, was ich je gelesen habe. Ich weiss nicht, ob Sie je das S.C.U.M. Manifesto von Valerie Solanas gelesen haben, aber das ist ein erstaunliches, wunderschönes Stück Schreibe (1968 erschienenes Manifest der Society for Cutting Up Men, die Autorin wurde vor allem wegen ihres im selben Jahr verübten Schussattentats auf Andy Warhol bekannt, Anm. des Verf.). Das sind die Dinge, die mich beeinflussen. Oder eben die Biographie über Houdini.
Sie wurden unlängst ja auch in die australische Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen. Sie haben in Ihrer Dankesrede grossen Wert darauf gelegt, auch die anderen Leute zu erwähnen, die ein Teil Ihrer Reise waren.
Es war mehr als das. Sie haben mich in die Hall of Fame aufgenommen, aber nicht die Bad Seeds. Diese Hall of Fame ist tatsächlich ein Gebäude, und da gibt es wohl nur eine begrenzte Anzahl von Betten. Der Grund, den sie angaben, war, dass die Bad Seeds ihrer Ansicht nach keine Australier seien. Und das ist eine unglaubliche, ungeheuerliche Beleidigung. In den letzten 25 bis 30 Jahren, die ich in Übersee war, habe ich uns immer als australische Band dargestellt. Egal, ob wir in Amerika oder in Europa sind, wann immer über uns geschrieben wird: wir sind Australier. Das hat mich also wirklich beleidigt, und ich weigerte mich, diesen Preis entgegen zu nehmen, wenn die Bad Seeds nicht ebenfalls aufgenommen würden. Dieser Forderung wurde nicht Folge geleistet, also habe ich es eben selbst getan.
In einer Ansprache, die sich eher wie ein Protest als wie eine Danksagung anhörte...
Der Preisverleiher ist die australische Rockindustrie, wer immer das sein mag. Es ist ein Haufen Leute aus dem Establishment, die sich als die Bewahrer des kollektiven australischen Gedächtnisses ansehen. Sie sitzen zusammen und überlegen sich, wessen wir für alle Ewigkeit gedenken und wen wir für alle Ewigkeit vergessen werden. Sie entschieden sich dafür, sich meiner zu erinnern und die Bad Seeds zu vergessen. Das ist eine Farce. Und ich sage das nicht, weil ich bescheiden wäre, aber ohne die Bad Seeds wäre ich nichts. Ich wäre nicht in diesem Geschäft, wenn es sie nicht gäbe. Das ist einfach die Wahrheit. Ich habe eine Gruppe von Musikern gefunden, die mich vollkommen versteht, und die ich vollkommen verstehe, denen ich vollkommen vertraue. Es heisst eben zufällig Nick Cave & The Bad Seeds, und das mag von Anfang an ein Fehler gewesen sein, denn wir tragen alle auf verschiedene Weise unseren Teil bei. Es ist einfach falsch. Und wo ich da schon oben stand, hab ich The Birthday Party auch gleich in die Hall of Fame aufgenommen. Die auch verdammte Australier waren und unglaublich wichtig für das Unterbewusstsein australischer Musik. Aber diese Typen, die solche Entscheidungen fällen, würden nicht einmal wissen, wer The Birthday Party überhaupt war. Was ich wirklich machen wollte, war Leute aus der Hall of Fame rauszuwerfen. Leute, die da ohne Verdienst reingekommen sind.
Eine Art Hall of Infamy?
Genau. Das ist eine gute Idee. Das könnte ich jedes Jahr machen, eine Hall of Fame für die, die wir lieber vergessen wollen. Wir könnten dann gegeneinander Fussball spielen.
Wie ist heutzutage überhaupt Ihr Verhältnis zu Australien? Politisch scheint sich da seit den Wahlen einiges verändert zu haben. Verfolgen Sie das?
Schon, aber wahrscheinlich nur auf die gleiche Weise wie Sie. Alle sind froh, den vorigen Typen losgeworden zu sein. Ich weiss nicht, ob sich irgendjemand von dem neuen Typen wirklich sehr inspiriert fühlt. Ich habe gehört, dass die Leute ihn als leeres Glas bezeichnen. Und dass nun alle Hoffnungen Australiens in dieses Glas gefüllt werden.
Klingt nach Tony Blair oder Bill Clinton.
Ja. Nur dass er nicht den Charme dieser Typen hat. Er hat überhaupt keinen Charme.
Das könnte ihn weniger gefährlich machen.
Ja, möglicherweise.
Ich hätte noch eine Frage zum Song «Today’s Lesson». Da ist dieses junge Mädchen und dieser schmierige Mr. Sandman. Zum Teil scheint es so, als würde sie ihn ermutigen, aber er ist schon eher bösartig, oder?
Er ist sogar ziemlich bösartig. Ich finde, das ist einer der düstersten, bösesten Songs, die ich je geschrieben habe, auch wenn er einen ziemlich beschwingten Beat hat.
Sie sagt aber zu ihm: wir werden eine wirklich gute Zeit zusammen haben.
Nun, sie ist gewissermassen komatös. Ich mag das nicht gern in seine Bestandteile zerlegen, aber das hatte wieder mit diesem Marilyn Monroe-Interview zu tun. Sie sagte darin: Ich laufe immer in das Unterbewusste anderer Leute. Für mich fühlte sich das in diesem Kontext so an wie dieser Keith Rudd, oder wie er auch immer heisst (Richtig: Kevin Rudd, Australiens neuer Premier, Anm. des Verf.), sie war ein Gefäss, in das die Welt damals ihr transferiertes männliches erotisches Begehren ergoss. Und das ist eine sehr gefährliche Sache. Menschen können nur ein gewisses Mass negativer Aufmerksamkeit ertragen. Ich dachte dabei auch an viele der Leute heutzutage, die dem mörderischen Blick des Boulevards ausgesetzt sind. Was passiert mit diesen Menschen, die all diese transferierten Gedanken absorbieren müssen, ob es nun Kate Moss oder Lady Di oder die verdammte Amy Winehouse ist. Man kann ihnen zusehen, wie sie vor unseren Augen sterben, wie sie vergehen und dünner werden. Der Boulevard führt das auf die Drogen zurück, aber der Grund sind natürlich nicht die Drogen. Es ist der verdammte Boulevard.
Insofern gibt es da einen roten Faden zwischen diesem Song, «Jesus Of The Moon» und «Hold On To Yourself»: die männliche Vorstellung nimmt das Objekt ihres Begehrens zur Geisel.
Absolut. Was ich da vermitteln wollte, ist ein Zustand der Passivität, der über den Hauptfiguren liegt. Alle sind halb im Schlaf oder hypnotisiert oder im Koma oder tot, und gleichzeitig nehmen sie all diese schlechte Energie in sich auf. Aber die Musik selbst nimmt einen viel neutraleren Standpunkt ein. Da ist zum Beispiel ein trauriger Song wie «Moonland», eine meiner liebsten Nummern auf der Platte. Gerade für einen Mann ist dieser Text, wenn man ihn liest, einfach erschütternd. Für mich jedenfalls. In der Vergangenheit hätten die Bad Seeds so etwas auf eine sehr manipulative Art behandelt. Wir hätten den Refrain sich aufbauen lassen, und dann wäre eine Violine darüber hereingebrochen. Die Musik war oft dazu da, die emotionale Reaktion des Publikums zu verstärken. Aber mit dieser Platte machen wir fast das Gegenteil davon, die Musik ist absichtlich entfremdet vom Inhalt des Songs. Ein Lied des reinen Bösen wie «Today’s Lesson» hat einen richtig hippen, hüpfenden Groove, und «Moonland» ist eigentlich eine Funk-Nummer. Aber die Absicht ist, dass man nach zehn Mal Zuhören denkt: Oh Scheisse, das ist wirklich traurig.
Aktuelle Alben: Nick Cave & The Bad Seeds. Dig Lazarus Dig!!! (Mute)
Nick Cave, Warren Ellis. Music from the Motion Picture «The Assassination Of Jesse James By The Coward Robert Ford» (Mute)
The Bad Seeds – Official Website »
Nick Cave – Official Website »


