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das kulturelle Überformat

Interview

David Bowie: «Heathen»

«Ich mag keine glückliche Musik»

Er sei kein Intellektueller und seine Karriere sei als die Summe seiner Selbstzweifel zu verstehen: David Bowie im exklusiven Gespräch zu seinem Album «Heathen».

Rudolf Amstutz·11. Januar 2016·15 Min.

Das Face-to-Face Interview mit David Bowie fand im Frühling 2002 in den Sony Studios in New York City statt.

Herr Bowie, für ihr neues Album «Heathen» haben sie Ihren Wohnort New York City verlassen und sind für die Aufnahmen aufs Land gezogen. Wie wichtig ist Ihnen die Umgebung für die kreative Arbeit?

David Bowie: Extrem wichtig. Am Anfang dachte ich, dass es ein Riesenfehler sei, dieses Studio in den Wäldern überhaupt zu besichtigen. Furchtbar. Ich schreibe nicht auf dem Land (lacht). Ich gehe aufs Land, um mir Pferde anzusehen und doch nicht, um zu arbeiten. Aber dann wurde ich vom Gitarristen David Torn überzeugt, dass es sich um einen wirklich speziellen Ort handeln würde. Ich sagte mir, na ja, ich kann ja mindestens mal nachsehen. Und wenns nichts wird, das Album immer noch hier in New York City aufnehmen. Ich mag Städte – ich arbeite einfach besser in urbaner Umegbung. Jedesmal in der Vergangenheit, als ich auf dem Land arbeitete, war das dementsprechende Album furchtbar. 

Dann ist das ein völlig neues Kapitel für sie.

Ganz bestimmt.

Das erste gelungene «Country-Album» von David Bowie.

Genau. Als ich das erste Mal dort ankam, wusste ich bereits: hier ist es. Da war dieser Berg, von dem man das ganze Gebiet überblicken konnte. Es herrschte also schon eine bestimmte Atmosphäre von Isolation und Anonymität, was mir sehr gefiel (lacht). Es hatte etwas Majestätisches, das mich dazu entschloss, hier zu bleiben.

Isolation und Anonymität, also im Prinzip die selben Voraussetzungen wie in einer Stadt?

Ja und ich mag das sehr. Und während die anderen jeweils vom Berg wieder zurückkehrten ins Tal, blieb ich alleine zurück und arbeitete völlig alleine weiter.

Der Albumtitel «Heathen» ist in Zeiten religiöser Kritik doch sehr provokativ. Ist es auch eine Antwort auf das vorige Album «hours…», das nicht gerade mit religiösen, ader doch deutlichen spirituellen Verweisen aufwartete?

An diesen Zusammenhang habe ich nicht gedacht. Aber es könnte sein, ich weiss es nicht. Was ich weiss: der Protagonist des Songs «Heathen» spricht nicht zu Gott, aber zum Leben und sagt: «Du hast mich verlassen.» 

Sie erwähnen ihn in der dritten Person. Es ist also nicht David Bowie.

Ich glaube nicht. Ich will es gar nicht wissen. Auf jeden Fall sieht er zu wie die Sonne untergeht und sagt zum Leben: «Ich kann fühlen wie du stirbst.» Entweder wurde der Protagonist von Gott verlassen oder er hat ihn nie gefunden. Oder er sucht nach ihm. Ich weiss es nicht.

Das hat nichts mit Provokation zu tun. Sie beschreiben eine völlig normale menschliche Sinnsuche.

Genau. Wie in den meisten Songs auf dem Album. Was ich versucht habe, sind grundlegende Fragen aufzuwerfen, sie aber gleichzeitig zu reduzieren auf die individuelle Wahrnehmung. Man hat immer das Gefühl, es bestehe eine Beziehung zwischen dem Sänger und zu wem er immer auch singen mag. Es sind nicht diese grossen epischen Songs, die mit Fragen um sich werfen wie: was ist der Sinn des Universums. Das mag ich nicht, das ist mir zu schwerfällig.

«Heathen» entstand knapp vor dem 11. September. Der Titel interpretiert sich nach diesem Datum als Kommentar.

Die Wahrheit ist meist simpel. «Heathen» war der erste Song, der für die Platte geschrieben wurde. Deshalb trägt das Album diesen Titel. Es sieht nun aus wie eine Provokation, obwohl das Ganze wohl eher als Zufall zu sehen ist. Wie so oft liest man die Inhalte anders bei Werken, die kurz vor einem exemplarischen Moment der Geschichte geschrieben wurden, wie es nun in diesem Fall der 11. September 2001 ist.

An was für Werke denken Sie?

Eines der jüngsten Beispiele ist «Motherland», die aktuelle Platte von Natalie Merchant. Sie nahm dieses Album im selben Studio auf – unmittelbar bevor wir unsere Arbeit aufnahmen. Es ist auch ohne diesen Hintergrund ein wunderschönes Album. Aber wenn man ihre Songs nun ins Verhältnis zum 11. September setzt, verstärkt sich das Gefühl noch um ein Vielfaches. Und das hat mit dem Ort zu tun, nach dessen Wichtigkeit sie vorher gefragt haben. Vielleicht ist es ihr bestes Album, vielleicht ist «Heathen» auch mein bestes Album. Es hat mit diesem Studio zu tun. Dieser Raum ist definitiv ein writer’s room.

Bob Dylan hat ja mal gesagt, er brauche keine Songs zu schreiben, die seien alle bereits vorhanden. Er sei nur derjenige, der sie pflücke.

Gerade was meine jüngste Arbeit betrifft, unterschreibe ich dieses Statement voll und ganz. Es hat während dem Arbeitsprozess Momente gegeben, an denen ich mich wie überflüssog vorgekommen bin. Der Song, so schien es, schrieb sich von selbst. Meistens in den frühen Morgenstunden. Ich stehe ja immer so um fünf sechs Uhr auf. Durch die Studiofenster sah ich Hirsche und andere Tiere – Natur halt (lacht) – und der Song kam einfach über mich. Ich bezeichne dies als bewusste Momente des Lebens. Die Texte purzelten aus mir heraus. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte sich das Ganze nicht stoppen lassen. Die Worte schrieben sich sich von selbst. Das passierte mir früher nur ganz selten. Ich weiss nicht ob das Unbewusste von einem Besitz ergreift. Egal, ich will gar nicht wissen, wie sowas funktioniert.

Bei einigen ihrer jüngsten Alben scheint es klare Referenzen zur eigenen Vergangenheit zu geben. Für «Outside» arbeiteten sie wieder mit Brian Eno zusammen. Für «Heathen» trafen sie sich erneut mit Produzent Tony Visconti. Und das Artwork von «Heathen» erinnert mich an «Heroes», eine ihrer legendärsten Platten.

Da haben sie recht. Auch mich erinnert das Cover an «Heroes».

Ihrer Antwort kann ich entnehmen, dass es wieder einer dieser Zufälle ist.

Ein Konzept steckt auf jeden Fall nicht dahinter. Die Inspiration geht auf Man Ray zurück. Er machte in den zwanziger oder dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts diese Serie von Porträtaufnahmen. Darunter eines mit Marcel Duchamp. Die Komplexität und Surrealität von Man Rays Bildern faszinierte mich. Die Augen wurden auf dem Cover ersetzt durch tote Fischaugen. Und der Fisch ist bekanntlich das Symbol des Christentums. Man kann das Bild sehr wörtlich nehmen: der Christ, der seinen Gott nicht mehr sehen kann. Aber das ist nur vordergründig.

Und was versteckt sich dahinter?

«Heathen» ist doch heute ein abstrakter Begriff, unter dem viele etwas anderes verstehen. Ich glaube keiner kennt auf Anhieb die exakte Definition dieses Wortes. Tatsache ist, dass es etwa vier Definitionen von «Heathen» gibt. Es ist also eher ein kollektiver Überbegriff für die Songs.

Vielleicht brauchen altbekannte Wörter in einer neuen Zeit auch neue Definitionen.

Exakt. Selbst der Begriff des Künstlers braucht heute eine neue Definition. Ich glaube, ziemlich viele Künstlerinnen und Künstler müssten sich neu überlegen, was sie eigentlich tun und wohin sie gehen wollen. 

Sie haben sich diese Überlegungen immer wieder gemacht. Sie sind ja nicht nur ein Musiker und Rockstar, sondern auch Maler, Schauspieler...

...ich bin ein Kollektiv (lacht). Ich war schon als Teenager an allen künstlerischen Sprachen interessiert, gleichzeitig aber so besessen eine Karriere zu machen, da schien Rock’n’Roll die offensichtlichste Variante zu sein. Ich brauchte so auf die anderen nicht zu verzichten, auf die Bühne, den Film, die Malerei – ich konnte das mitziehen.

Und sie sind heute noch überzeugt davon, die richtige Variante gewählt zu haben?

Ja. Wenn ich zurückblicke, sehe ich keine verpassten Gelegenheiten. Und ich konnte immer all die Dinge tun, die ich wollte.

Und dennoch schien sich in den letzten Jahren als Präferenz die bildende Kunst durchzusetzen. Unter bowieart.com lässt sich dies nachprüfen. Sie erwähnten Duchamps und Man Ray.

Die bildende Kunst ist sicherlich immer ein wichtiger Einfluss gewesen. Und von aussen betrachtet mag diese Dominanz auch stimmen. Für mich im Innern habe ich eher die Wandlung zum Schreiber vollzogen. Ich habe in letzter Zeit die Gelegenheit gehabt, mich in zahlreichen Essays auszudrücken. Und ich geniesse die Form des schriftlichen Ausdrucks sehr. Die Herausforderung für mich ist, mich in Zukunft mehr dem Schreiben von Prosa zu widmen.

Es ist bekannt, dass Sie ein besessener Leser sind.

Ich liebe Bücher. Mein ganzes Leben war ich verrückt nach Lesen. Der Grund, weshalb ich mich als Autor bislang zurückgehalten habe, mag die Tatsache sein, dass ich ein so hohes Ansehen gegenüber ernsthafter Schriftstellerei habe. Die Latte habe ich mir hoch gelegt. Wenn du in diese Arena treten willst, musst du wirklich was draufhaben. (lacht)

Man kann sich natürlich mit dieser Ansicht selbst blockieren.

Das ist die Gefahr. Aber sehen Sie doch nur, was wir schon in England für zeitgenössische Autoren haben. Ian McEwan oder Martin Amis, um nur zwei zu nennen. Das sind so grossartige Wortschmiede, dass ich immer wieder zu mir sage: Mein Gott, ich wünsche mir, so schreiben zu können. Nehmen wir nur McEwans jüngsten Roman «Atonement». Wundervoll, grossartig geschrieben. Und ich sage mir dann: Und du David hattest vor ein Buch zu schreiben, bist du eigentlich verrückt geworden?

Solche Autoren können auch als Inspiration dienen.

Natürlich, so muss man es betrachten. Aber Mc Ewan ist wirklich ein grosser Meister. Wie etwa hier in den USA Don DeLillo.

Man kann sich auch die Umkehrung vorstellen: Ian McEwan sitzt zuhause und hört sich ein Album von David Bowie an und....

...ich weiss, was Sie sagen wollen. Ich würde gerne daran glauben können. (lacht) Oh ja – wie sehr möchte ich an dieses Bild glauben können.

Die Stärke von Ihnen ist ja, dass Sie nicht nur Kunst geschaffen haben, sondern auch den dazugehörigen Künstler erfanden.

Ich bin vielleicht ein Selfmade-Artist, aber erfunden habe ich David Bowie nicht. Ich war ja nicht talentiert in irgendeinem Genre. Ich habe mich selbst dazu getrieben, etwas zu schreiben. Ich habe mich dazu getrieben, ein Sänger zu sein. Nichts, aber auch gar nichts, fiel mir einfach. Vielleicht dauerte es deshalb so lange, den Künstler, den ich heute bin, zusammenzustellen. Das Einzige, was ich am Anfang hatte, war der Zwang einer zu sein. Aber nichts, dass mich veranlasste zu denken, ich sei einer. Ich bin der beste Beweis: es gibt Hoffnung für alle, man muss nur dranbleiben. (lacht) Ich bin kein Naturtalent.

Sie hatten aber doch das Talent mit David Bowie ein Chamäleon zu kreieren, das andauernd seine Erscheinung änderte.

Der Grund für mein Auftreten war doch bloss die Unsicherheit. Was zugegeben eine interessante Annäherung an eine Karriere ist: ich bin ein Künstler, weil ich unsicher bin (lacht). Weil ich mich als Songschreiber nicht gut genug fühlte, musste ich mit anderen Mitteln meinen Ausdruck zu verstärken suchen. Vieles, dass in der Kunst entsteht, kommt aus einer Notwendigkeit heraus. Das erklärt vielleicht in etwa, weshalb ich tue, was ich tue.

Der Kampf mit sich selbst als Notwendigkeit zur Entwicklung.

Auf intellektueller Ebene ungeheurlich wichtig. Das begleitet mich mein ganzes Leben. Obwohl ich eher intuitiv denn intellektuell veranlagt bin. Ich erkenne intellektuelle Ideen zwar sofort, aber dann übersetze ich sie in intuitives Verhalten. Ich versuche dauernd zu ergründen, wer ich bin. Und manchmal frage ich auch: Mein Gott, was tust du überhaupt hier?

Es kann auch Vorteile haben, kein Intellektueller zu sein....

....ich sage das andauernd (lacht)

Man hat so eher die Möglichkeit die grösseren Zusammenhänge zu erkennen, weil man nicht schubladisiert denkt.

Ich würde präzisieren und sagen: die grösseren Zusammenhänge fühlen! Nehmen wir als Beispiel Brian Eno. Es gibt keinen Zweifel darüber, der Mann ist Intellektueller. Er kann immer exakt beschreiben, weshalb er was tut. Ich besitze diese Fähigkeit der präzisen Artikulation nicht.

Sie haben in der Vergangenheit gemeinsam Grossartiges geleistet. Gegensätze ziehen sich an.

Es hat mich natürlich schon irritiert, als er einmal zu mir sagte: «Ein Künstler sollte wirklich in der Lage sein zu erklären, was es ist, was er tut und wieso er es tut.» Ich erwiderte: «Ich kann das nicht. Bin ich deshalb kein Künstler? Versuchst du mir zu sagen, dass ich kein Künstler bin?» Und er antwortete: «Oh nein nein, David. Du bist gut, in dem, was du tust. Primitiv zwar, aber gut.» (lacht)

Das haben sie sich gefallen lassen?

Ich sagte zu ihm: «You fucking snob!» (lacht) Ach ja, und ich fragte ihn: «Brian, erkläre mir, wieso es Künstler gibt, die rein intuitiv arbeiten? Und da liess ihn die Artikulation dann doch im Stich.

Beim Vergleich mit einem anderen engen Freund, schienen sie immer das Image des Intellektuellen zu verkörpern: Iggy Pop.

(lacht laut) Das ist der Grund, weshalb ich nicht von seiner Seite weiche. Er lässt mich gut aussehen! Aber in Wirklichkeit verhält es sich natürlich völlig anders. Jim (Iggy Pop heisst mit bürgerlichem Namen James Osterberg, Anm. d. Verf.) ist einer, der sich allabendlich mit seiner Hornbrille an den Kamin setzt mit einem guten Buch in der Hand. Und es scheint., dass er der Welt seinen wahren Charakter nicht preisgeben will. Es ist nicht an mir, Jim zu kritisieren. Aber ich bin der Meinung, dass er sich an einer zu kurzen Leine hält. Ich wünschte mir, er würde ein Theaterstück schreiben. Ich bin der festen Überzeugung, dass er in der Lage ist, ein grossartiges Werk zu verfassen. Er schreibt wundersame Prosa. Doch sein letztes Album ist halt wieder im alten Muster gestrickt. Schade!

Nicht nur im Falle von Iggy Pop stellt sich die Frage: Sollte ein in die Jahre gekommener Rockstar auch erwachsene Platten machen?

Was heisst schon erwachsen? Als kleiner Junge sah ich 25-Jährige mit Tweed-Anzug und Pfeife im Mundwinkel herumlaufen. Die waren so erwachsen, die konnten kaum älter werden. Das Erwachsen werden schiebt sich immer mehr nach hinten. Heute wird doch von einem Sechzigjährigen noch verlangt, dass er wie ein funkelnder Post-Teenagehood-Guy daherkommt. Beide Extreme sind absurd und hochgradig lächerlich.

Aber als Rockstar, der in den Fünfzigen steckt...

...muss man sich schon hinterfragen. Wir sind jetzt alle über Fünfzig. Man könnte sagen: der erste Rock’n’Roll-Zug fährt auf Gleis Nummer Fünf ein (lacht). Hier sind wir! Hier kommen die alten Männer. Was tun wir nun mit uns selbst? Was repräsentieren wir? Sollten wir überhaupt noch da sein? Natürlich sollten wir. Aber es ist ein seltsames Gefühl. Wir sind die ersten Väter der Kunstform Rock’n’Roll. Und Little Richard hat sich gerade kürzlich aufs Altenteil zurückgezogen.

Sie sind aber doch alles in allem ein glücklicher Mensch. Sie sind glücklich verheiratet.

Ich bin ein glücklicher Mensch. Glücklich mit dem, was ich habe und was ich bin. Nicht glücklich bin ich, wenn ich die Welt anschaue, in der wir leben. Ich bin nicht glücklich für mein Kind. Es ist nicht ein angenehmer Ort, um aufzuwachsen. Ich bin entäuscht, dass das 21. Jahrhundert so begonnen hat. Keiner hat das erwartet. Das Szenario für die Zukunft sieht doch ziemlich niederschmetternd aus. Und was soll ich meiner Tochter sagen? I’m sorry baby?

Sie sind grundsätzlich ein glücklicher Mensch. Aber glückliche Musik lieben sie nicht.

Ich kann ohne glückliche Musik leben, da haben sie vollkommen recht. Ich habe sie nie geliebt. Nie.

Fehlt Ihnen die Tiefe?

Es fehlt mir die Spannung. Wenn ich schreibe, setze ich mich selbst mit einer Art unterbewussten Furcht, einer Beklemmung auseinander. Und ich mag es, solche Dinge auch in den Werken anderer Leute zu hören. Brian Eno könnte dies erklären (lacht). Ich suche nach Nervosität, nach Strenge, nach Spannung in der Musik anderer. Das stimmt so vielleicht nicht ganz. Oder doch? Selbst in der klassischen Musik mag ich keinen happy sound. 

Für mein eigenes Album, für den ersten und den letzten Song, habe ich als Schablone die «Vier letzten Lieder» von Richard Strauss benutzt. Meiner Meinung nach die komplettesten Stücke, die er geschrieben hat – grossartige Musik. Und die waren Inspiration für was ich mit meinem Album erreichen wollte. Natürlich komme ich nicht einmal in die Nähe dieser grossartigen Musik, aber die beiden Songs «Sunday» und «Heathen» sind diese beiden Buchstützen geworden, in denen das ganze Album steht. Und nicht einmal diese Strauss-Lieder kann man als glücklich bezeichnen. Auch nicht Vaughan Williams. Ich mag auch Thomas Tallis. Stravinsky. Keiner davon klingt glücklich. Gibt es überhaupt glückliche klassische Musik? (lacht)

Sie schwärmen von Autoren und Komponisten. Ihr Durst als Kunstkonsument ist ungestillt. Stösst der Wissenshunger nicht manchmal an lapidare Grenzen. Ein Tag hat auch nur 24 Stunden.

Ich weiss genau, was sie meinen. Ich habe eine ziemlich grosse Bibliothek. Und oft steh ich vor meinen Büchern und sage mir: «Ich möchte sie alle nochmals lesen, aber es bleibt mir dafür nicht genug Zeit.» Wieso behalte ich all die Bücher, wenn ich sie nicht lesen kann? Wegwerfen kann man Bücher nicht, das wäre Blasphemie, eine Todsünde. Jemandem schenken, der sich dafür interessiert geht in Ordnung. Die gesamten Werke von Anthony Burgess und George Orwell. Sie haben mich glücklich gemacht als ich Zwanzig war. Das lässt sich nicht wiederholen und trotzdem behalte ich sie.

Sie kommen immer wieder auf Bücher zu sprechen.

Sie sind nun halt etwas ganz und gar Wundervolles. Man kann sich Stunden in einem Buch vergraben. Das ist der Vorteil gegenüber einem Film, der nach zwei Stunden zu Ende ist. Aber sie sind nicht so sozial wie das Kino. Ins Kino kann ich mit jemanden gehen. Zum Glück ist meine Frau auch eine leidenschaftliche Leserin. Wir liegen nebeneinander im Bett und sind in unsere Bücher vertieft. (lacht) Das kann Stunden dauern.

Wenn uns schon ein Mann von der Plattenfirma ungeduldig im Nacken sitzt: die Musikindustrie beklagt sich über die neuen Technologien, die ihnen Umsatzrückstände bescheren.

Ja sie beklagen sich, ist das nicht wundervoll? Gut, dass einer von ihnen zuhört. Bitte fahren Sie fort... (lacht)

Sie haben wie etwa Prince auch, die neuen Technologien nutzbar gemacht. Über das Internet sind Sie in direktem Kontakt mit der Hörerschaft. Braucht es überhaupt noch eine Plattenindustrie?

Ich vertrete in dieser Frage vielleicht einen perversen Standpunkt. Ich bin überzeugt, dass die Plattenfirmen in den nächsten zehn Jahren verschwinden werden. Und ich behaupte auch, dass es in Zukunft kein Copyright für uns Autoren mehr geben wird. Es wird eine seismologische Verschiebung geben, die wir so seit Gutenberg nicht mehr erlebt haben. Das Internet und der Computer wird das «Wie» und das «Warum» wir Musik hören innerhalb eines Jahrzehnts drastisch verändern. Deshalb schreibe ich spätestens ab meinem 66. Lebensjahr nur noch Bücher (lacht).

David Bowie: Heathen. Columbia/Sony


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