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Unerhört jenisch
Unerhört jenisch
Martina Rieder und Karoline Arn, wo und wie entstand die Idee zu Ihrem Film «Unerhört jenisch»?
Martina Rieder: Am Anfang stand eigentlich unser letzter Film «Jung und Jenisch», den wir über Fahrende in der Schweiz gemacht haben. Bei den Dreharbeiten haben wir realisiert, dass das Hauptmerkmal der jenischen Kultur eigentlich nicht das Fahren ist – vielmehr spielt die Musik ein viel zentraleres Thema. Zur selben Zeit hörten wir, dass auch Stephan Eicher jenische Wurzeln haben soll. Dies war der eigentliche Startschuss zu diesem Projekt. Wir dachten uns: wenn wir Eicher als zentrale Figur dafür gewinnen können, dann werden wir diesen Film machen. Das war der Anfang unserer Reise, und zwar vor sechs Jahren (lacht).
War es schwierig, Stephan Eicher zu überzeugen mitzumachen?
Karoline Arn: Nein, aber er hat bei unserem ersten Treffen berechtigte Fragen gestellt. Zum Beispiel, wieso er Auskunft geben soll über eine Kultur, in der er nicht aufgewachsen ist. Obwohl er sehr wohl grosses Interesse zeigte, meinte er zunächst, er sei nicht die geeignete Person dafür. Wir haben ihm dann erklärt, dass wir selbst nicht wissen würden, wohin uns diese Reise führen wird – der Film war in der Tat bis am Ende völlig offen – und ob sich am Ende bestätigen wird, dass die jenische Musikkultur überhaupt existiert. Das hat auch ihn gereizt.
Woher die Jenischen stammen und was überhaupt unter dem Begriff «jenisch» verstanden wird, scheint nicht restlos geklärt. In diesem Sinne steht das Lied von Stephan Eicher, «I weiss nid was es isch», das nun als roter Faden durch den Film führt, geradezu als Quintessenz der Befindlichkeit dieser Menschen. Alle Protagonisten des Films sind sich ihrer Identität zwar bewusst, aber erklären lässt sie sich nicht. Das muss eine grosse Herausforderung für Sie gewesen sein: einen Film über etwas zu machen, dass sich nicht wirklich und vollständig einfangen lässt.
Rieder: Ja, in der Tat geht es um etwas Unfassbares.
Arn: Am Ende wurden aus der geplanten Geschichte deren drei: die Geschichte der Musikkultur, die Familiengeschichte dieser Menschen und auch die Geschichte der jenischen Verfolgung. Das hat die Erzählung auch nicht einfacher gemacht.
Dennoch haben Sie das Ganze auf beeindruckende 90 Minuten komprimiert.
Rieder: Das war nicht ganz einfach, hatten wir doch über 100 Stunden Material.
Arn: Wenn wir eine Person dieser jenischen Familien für ein Interview angefragt hatten, kam stets die Antwort, dass sie keine Einzelinterviews geben würden, sondern immer im Kreis der Familie. So hatten wir plötzlich statt drei Leute deren sechzehn.
Und die Geschichte zu erzählen wurde dadurch immer schwieriger?
Arn: Wir hatten ja zu Beginn gar keine. Wir drehten und recherchierten zur selben Zeit und es ist einfach wunderschön, dass sich alle diese Geschichten herauskristallisierten.

Sie begannen mit den Dreharbeiten bei Stephan Eicher und dann erst gingen sie zu den jenischen Familien im Bündnerland?
Arn: Ja, aber damals dachten wir, es gäbe einen Film über die jenische Kultur und nicht spezifisch einen über die jenische Musik. Unsere Ausgangsfrage war: ist die jenische Kultur spürbar, auch oder gerade wenn sie in der Schweiz integriert ist?
Eine der Schlüsselszenen des Films ist jene mit Erich Eicher, Stephans Bruder, der in der Nationalbibliothek den Vorfahren seiner Familie nachgeht und auf die jenischen Ursprünge stösst. Hat er dies für den Film nachgestellt oder erleben wir dies in Echtzeit?
Rieder: In Echtzeit. Im Film erlebt man tatsächlich mit, wie Erich seine Herkunft zum ersten Mal schwarz auf weiss sehen kann.
Arn: Wir hatten den Stammbaum vorgängig recherchiert.
Und wie sind sie überhaupt auf Erich gekommen?
Rieder: Er wurde uns von Stephan empfohlen.
Arn: Wir erwähnten irgendwann mal in einem Gespräch das Schwyzerörgeli, worauf Stephan meinte, sein Bruder spiele dieses Instrument.
Rieder: So kam fortlaufend das Eine zum Anderen.
Im Nachspann steht, dass Martin, der dritte der Eicher- Brüder, die Idee für den Filmtitel gehabt hat. Wie kam es dazu?
Arn: Martin wollte zwar nicht im Film sein, aber er war emotional dabei. Als wir nach der Fertigstellung noch immer keinen Titel für den Film hatten und der Verleih langsam nervös wurde, erwähnte ich dies zufällig in einem Gespräch mit Martin. Noch am selben Abend rief er mich zurück und meinte, er habe nun einen Titel. Ich dachte bloss, das Gefühl hatten andere auch schon (lacht). Martin sagte dann bloss, es gäbe ein einziges Wort, das zu diesem Film passt und das sei «unerhört». Und tatsächlich, die Geschichten im Film sind unerhört schön, unerhört unfassbar und waren bislang auch ungehört.
Früh im Film begegnet man Othmar Kümin, einem der Grandseigneurs der Bündner Volksmusik, der leider kurz nach dieser Begegnung 2014 verstarb. Kümin macht deutlich, dass er das Wort jenisch nicht mag. Und dies geht ja vielen im Film so, weil der Begriff negativ besetzt ist. Wie dreht man einen Film über das Jenische, wenn die Protagonisten davon nichts wissen wollen?
Rieder: Kümin war ungemein wichtig für den Film. Weil ihn jeder kennt und weil er sich hat filmen lassen, hat er uns Zugang zu weiteren Protagonisten ermöglicht. Wir haben während des Drehs das Wort nie benutzt. Wir haben den Menschen bloss gesagt, dass wir einen Film über ihre Familien und die Bündner Volksmusik machen würden.
Dann haben Sie sie überlistet?
Beide: Nein! Nein!
Rieder: Das war nur zum Einstieg so. Wir wussten: Das Wort ist heikel, weil es für sie etwas anderes bedeutet als für uns. Wir verstehen darunter eine bestimmte Kultur und für sie ist es ein Schimpfwort.
Trotzdem ist es Ihnen gelungen, dass die Menschen beginnen, von ihrem Schicksal zu sprechen.
Arn: Die Musik und die Familiengeschichten sind so eng miteinander verflochten, dass dies unweigerlich in den Erzählungen vorkommt. Wir wussten zwar zuvor von der Aktion «Kinder der Landstrasse», bei der es der Pro Juventute darum ging, den Fahrenden, im Speziellen den Jenischen ihre Kinder wegzunehmen. Doch von der Vorgeschichte rund um den Bündner Psychiater Josef Jörger, der die Jenischen als «erblich minderwertig» bezeichnete, davon wussten wir nichts, und dass wir eben gerade mit jenen Familien gesprochen hatten, die Jörger explizit in seinen Schriften erwähnt.
Trotz der negativen Besetzung des Begriffs, haben Sie sich entschlossen, den Film «Unerhört jenisch» zu nennen.
Arn: Wir stellen uns auf den Standpunkt, dass wir mit diesem Film zeigen, wieviel das Jenische zur Schweizer Kultur beigetragen hat, und dass wir so dazu beitragen können, dass der Begriff in Zukunft positiver wahrgenommen wird. Viele der Protagonisten finden den Titel auch jetzt noch nicht gut. Aber ich finde es auch wichtig, dass sie diese Kritik öffentlich anbringen dürfen. Doch abgesehen von der Titelwahl stehen alle hinter dem Film und finden es wichtig, dass ihre Geschichte in dieser Gesamtheit so erstmals erzählt wird. Aber man darf nicht unterschätzen, wie schwierig es für diese Menschen war, vor der Kamera zuzugeben, dass sie Teil der jenischen Geschichte sind.
Dann hat der Film ihnen einen Weg geebnet, nun öffentlich zur eigenen Kultur zu stehen.
Rieder: Nicht alle Familien sind in derselben Situation. Die Bündner Spitzbuaba hatten kein Problem zu sagen: Wir sind jenisch. Doch jede Familie geht in ihrer Aufarbeitung anders um mit den eigenen Wurzeln.
Christian Mehr, der als Chris More in Punkbands spielt und der als eines der letzten Kinder der Landstrasse ungemein Traumatisches erleben musste, war lange Zeit der Überzeugung, dass die jenischen Familien im Bündnerland ihre Wurzeln leugnen würden. Die Tatsache, dass sie Schweizer Volksmusik spielen, betrachtete er als Anbiederung, bis er dann im Laufe des Films erkennt, dass es sich umgekehrt verhält: die Schweizer Volksmusik wurde von der jenischen Musik beeinflusst.
Rieder: Genau, und das ist doch das Schöne. Es zeigt, dass die Schweizer Kultur durch die verschiedenen Einflüsse reicher geworden ist.
Dann ist die Bündner Volksmusik eigentlich eine jenische Musik?
Arn: Streng genommen stammt die Volksmusik von den Spielleuten aus dem Mittelalter. Aber diese wurde dann durch unzählige Einflüsse verändert. Wieviel davon nun aus der jenischen Tanzmusik stammt, lässt sich nicht beziffern. Aber die Jenischen waren durch Figuren wie Paul Kolleger oder Fränzli Waser klar prägend. Der Luzi Bergamin hat von Kolleger gelernt und den Bündner Stil geprägt. Aber man kann dies nicht auf Graubünden beschränken. In anderen Regionen existieren diese Einflüsse auch.
Sie haben sich aufs Bündnerland beschränkt. Haben Sie auch mit Familien gesprochen, die nun im Film nicht vorkommen?
Arn: Ja, aber mit jeder Familie wäre eine neue Geschichte hinzu gekommen. Da historisch nicht vieles existiert, mussten wir jede Geschichte à fond recherchieren. Gemeinsam mit Rico Bergamin gingen wir durch den Nachlass seines Vaters und das Jenische taucht zwar immer wieder auf, aber letztlich nie abschliessend. Ich bin überzeugt, würde man die Spurensuche ausweiten, kämen gewiss weitere spannende Geschichten zu Tage. Wir könnten auch die aktuelle Schweizer Musikszene betrachten und da würden sich auf jeden Fall Namen finden, die man historisch auf ähnliche Wurzeln zurückführen könnte. Eigentlich erzählt unser Film bloss von der Spitze eines Eisberges.
Interessant bei «Unerhört jenisch» ist auch, was nicht erzählt wird, aber das man sehen und hören kann: die Klänge und die Blicke in den Augen der Protagonisten. Besonders deutlich wird dies beim jungen Patrick Waser oder auch bei Stepan Eicher: Die Sehnsucht, vielleicht auch eine Art Fernweh und diese ganz besondere Befindlichkeit, die Eicher im Film sagen lässt: «Wenn ich in einem Luxushotel bin, komm ich mir noch heute wie ein Hochstapler vor.»
Rieder: Es ist natürlich toll, das dieses Gefühl rüberkommt. Aber wir hatten dies nicht bewusst gesucht.
Arn: Und doch war dies der Ausgangspunkt für unseren Film. Wir wussten: Diese Menschen sind einfach anders als wir. Sie geben einen das Gefühl, sie hätten Zugriff auf Ebenen, die wir nicht kennen.
Im Portugiesischen existiert der Begriff «Saudade» für ein Gefühl, das sich nicht wirklich beschreiben lässt und irgendwo zwischen Lebenslust und gleichzeitig tiefer Melancholie angesiedelt ist. Das lässt sich auch bei den Jenischen spüren.
Rieder: Daher kommt vielleicht auch der jenische «Zwick», der im Film angesprochen wird. In der Musik der Jenischen offenbart sich ihr ganzes Leben.
Was hielten die Bündner Musikerfamilien von Stephan Eicher?
Arn: Die meisten kannten ihn gar nicht.
Und doch kommen Vater und Sohn Waser am Ende des Films mit ihm zusammen.
Arn: Wir machten den Film vorerst ohne einen Schluss und zeigten ihn Stephan Eicher. Als er dann Patrick Waser sah, wusste er sofort: «Mit däm wott i spiele».
Rieder: Die Wasers kannten Eicher nicht. Das Lied «I weiss nid was es isch» hatten sie nie gehört. Und doch sprang der Funke gleich beim ersten Treffen mit Eicher über. Das war ein wahnsinnig schöner Moment, weil absolut niemand wusste, was passieren würde. Da lief nichts über die Sprache, nur über den Blick und die Musik.
Arn: Am Ende treffen sich die beiden Welten, die voneinander nichts wussten und doch zusammen gehören. Ein solches Ende hätte man gar nicht planen können, das musste organisch entstehen. Es ist wirklich ein grossartiges Geschenk, dass sich zum Schluss alles so wunderbar zu einem Ganzen zusammengefügt hat. (strahlt)



