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DOSSIER PIXAR – Andrew Stanton: «Wall-E»
Selbst im Müll lebt die Poesie weiter
Alle reden von «The Dark Knight», doch der Film des Jahres ist ein anderer: «Wall-E». Pixar’s neuester Streich übertrifft die Erwartungen an einen computeranimierten Film einmal mehr. Reminszenzen an Buster Keaton und Charlie Chaplin tauchen in dieser romantischen Liebeskomödie ebenso auf wie unmissverständliche Kommentare zum globalen Kapitalismus und zum Klimawandel.
Der Anfang des Films ist eindrücklich. Die Welt ist leer, die Menschen geflüchtet und die Skyline, die sich am Himmel abzeichnet ist ein Meer von aus gehäuftem Abfall bestehenden Wolkenkratzern. Die Erde als ein einziger grosser Kehrichthaufen: unbewohnbar geworden zwischen klimatischer Wüste und menschlicher Verwüstung. Doch dann vernimmt man das Surren von Rädern, als ob einer ein ferngesteuertes Spielzeugauto auf dem Planeten zurückgelassen hätte. Die Räder, oder besser: Raupen gehören Wall-E, dem kleinen Roboter, der einst in millionenfacher Auflage vom Menschen erschaffen wurde, den Müll zu entsorgen, in dem er alles in kleine, handliche Würfel presst. Dieser Waste Allocation Load Lifter Earth-Class – wie Wall-E mit vollem Namen heisst – ist der letzte seiner Art. Seit 700 Jahren geht er wie einst Sisyphos täglich seiner Arbeit nach. Als einzigen Kumpel ist ihm eine Kakerlake geblieben.
Das Problem: Wall-E hat in den sieben Jahrhunderten seiner Existenz menschliche Züge entwickelt. In seiner Metallbehausung, in die er abends zurückkehrt, hortet er Dinge, die er im Müll findet und in ihm die Neugier wecken: ein alter rostiger iPod, ein Rubikwürfel und eine alte Videokassette mit einer Aufnahme des Musicals «Hello Dolly». Die sieht er sich jeden Tag an, vor allem jene Szene, in der sich ein Mann und eine Frau zärtlich berühren. Und man spürt, dass dem kleinen Roboter etwas fehlt, das ihm die Kakerlake nicht geben kann.
In den ersten rund vierzig Minuten wird in «Wall-E» kein einziges Wort gesprochen. Wall-E geht seinen Dingen nach und erscheint als rostige Variante eines Buster Keaton oder Charlie Chaplin, wie er da mit seiner unersättlichen Neugierde den Müll bearbeitet. Nur durch eindrückliche Bilder erfährt man, dass am Ende sich die Unternehmen dieser Welt so eifrig zu Fusionen zusammengeschlossen haben müssen, dass letztlich nur noch eine einzige Firma übrig blieb: «Buy N Large». Und dass der C.E.O. in entsprechender Logik auch der politische Anführer der Menschen war. Als die Konsumorgie zum Müllproblem führte, baute eben diese Firma das Raumschiff «Axiom», das in Fünf-Sterne-Kreuzfahrtmanier durchs All tummelt und völlig verfettete Menschen beherbergt, die auf fahrbaren Liegestühlen sich permanent vom «Buy N Large»-Fernsehprogramm und «Buy N Large»-Softdrinks verwöhnen lassen.
Die Menschen senden in der Folge einen Roboter namens Eve auf die Erde, auf der Suche nach neu erwachtem Leben. Und als sich Wall-E und Eve treffen, verwandelt sich dieser unglaublich eindrückliche Kommentar zum drohenden Verfall unserer Welt in eine der liebenswürdigsten und poetischsten Umsetzungen einer Liebesgeschichte, die das Kino je erlebt hat. Und am Ende fragt man sich staunend, weshalb sich die Filme von Pixar alle Jahre wieder dermassen wuchtig von anderen computeranimierten Produktionen absetzen können.
Der technische Vorsprung gegenüber der Konkurrenz («Shrek», «Ice Age» etc.) ist der eine Grund. Doch das Geheimnis liegt in der Behandlung der Stoffe. Die Pixar-Leute funktionieren wie unabhängige Filmemacher. Es geht nicht um ein Zielpublikum oder um gängige Trends, sondern einzig und allein darum, gute Geschichten zu verfilmen. Ob «Toy Story», «Cars» oder «Ratatouille» – Pixar legt alle Jahre wieder eine Blaupause vor, an dem sich die anderen messen müssen. Auch deshalb sind Pixar-Filme keine Kinderfilme, sondern sprechen ebenso Erwachsene an. Regisseur und Drehbuchautor Andrew Stanton, der bereits «Finding Nemo» inszenierte, meinte in einem Interview gegenüber der New York Times: «Wir kreieren Figuren, die einen Reiz auf Kinder ausüben, aber geben diesen Figuren die Probleme von Erwachsenen auf den Weg.»
Pixar war einst unter der Leitung von Steve Jobs die Schwesterfirma von Apple (Wenn Wall-E sich neu starten muss, dann erklingt derselbe Ton wie auf den Mac-Computern.) Als dann Walt Disney Pixar erwarb, befürchteten viele eine «Disneyfizierung» der oscargekrönten Arbeit dieses Kreativzentrums. Doch im Kaufvertrag billigte Disney aus guten Gründen Pixar jegliche künstlerische Freiheit zu. «Wir denken niemals über das Publikum nach», sagt Stanton. «Würde mir einer einen Marketingreport in die Hand drücken, ich würde ihn sofort wegwerfen.»
Bleibt zu hoffen, dass diese Freiheit auch in Zukunft erhalten bleibt. Zurzeit ist es allerdings schwer vorstellbar, dass Pixar die technische Raffinesse, die inhaltliche Tiefe und die poetische Umsetzung von «Wall-E» zu übertreffen imstande sein wird. Aber dasselbe Gefühl hatte man auch schon bei allen vorherigen Filmen aus diesem kleinen, feinen Studio im Norden Kaliforniens.
«Wall-E», USA 2008. Regie: Andrew Stanton. Drehbuch: Andrew Stanton und Jim Reardon. Mit den Stimmen von: Ben Burtt (Wall-E), Elissa Knight (Eve), Jeff Garlin (Captain), Fred Willard (Shelby Forthright / BnL C.E.O.) und Sigourney Weaver (Schiffscomputer).
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