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DOSSIER PIXAR - Die Geschichte eines Erfolgs

Eine (schwere) Geburt – in drei Akten

Ein Regisseur, der mitten in einer Scheidung steckt, ein Genie, der das Kind im Manne nicht verloren hat, ein egomanischer Computerpionier, auf der Such nach einer neuen Zukunft und ein in seiner Karriere gestörter Angestellter von Walt Disney: die Geburt von Pixar, dem erfolgreichsten Filmstudio aller Zeiten, war beschwerlich und turbulent. Eine Chronik in drei Akten.

Rudolf Amstutz·2. Oktober 2007·7 Min.

Akt 1: die Scheidung

Man kann George Lucas nicht vorwerfen, er hätte in seiner Karriere viel falsch gemacht. Seine «Star Wars»-Trilogie wurde zum Kult und ermöglichte es ihrem Schöpfer, sich feudal und herrschaftlich auf der eigens gebauten Skywalker-Ranch im kalifornischen San Rafael niederzulassen. Aber Lucas war mit den Special Effects seiner Filme nicht zufrieden. Während das Publikum seine Trilogie feierte, konnte er kaum hinsehen ob der diletantischen Umsetzung von Raumschiffen und Laserschwertern. Deshalb mietete er alte Lagerhallen und gründete eine spezielle computergrafische Abteilung innerhalb seiner Firma Lucasfilm. Mit Alvy Ray Smith und Ed Catmull fand er zwei Computer-Freaks, die von sich reden machten, weil sie eng mit Filmemacher zusammenarbeiteten, um dann deren Wünsche in hochkomplexe Algorithmen zu übersetzen. So sollten Special Effects in Zukunft auf dem Computer generiert werden und damit gesichert sein, dass die Fortsetzung von «Star Wars» und auch die Renovation der ersten drei Teile zu einem auch für den Regisseur befriedigenden Ergebnis führten.

Lucas hat eine goldene Nase, wenn es darum geht, Talente zu orten. Mit Smith und Catmull hatte er zwei grossartige Programmierer an sich binden können. Er war überzeugt, dass er damit dem Rest der Filmbranche über Jahre voraus sein würde.

Erstens aber kommt es anders und zweitens als man denkt. Lucas hatte mit ILM (Industrial Light and Magic), Skywalker Sound und Lucasfilm plus diversen anderen Seitenprojekten ein Imperium geschaffen, in dem er kaum in der Lage war, die Übersicht zu behalten. Zudem verlangte seine Frau Marcia die Scheidung. Um die dreissig Millionen Dollar Abfindung locker zu machen, blieb Lucas nichts anderes übrig, als einen Bereich dieses Imperiums loszuwerden. Weshalb also nicht gleich die neue computergrafische Abteilung?

Als Smith und Catmull davon Wind bekamen, rannten sie gleich zu den Walt Disney Studios. Die beiden träumten schon lange davon, anhand ihres technischen Wissens, animierte Filme am Computer zu generieren.  Logisch war da Disney die erste Adresse. Doch einer der Disney-Chefs, Jeffrey Katzenberg, hatte gerade Wichtigeres zu tun und gab den beiden einen Korb. Lucas hatte gleichzeitig Ross Perot an der Angel, Milliardär und einst auch unabhängiger US-Präsidentschaftskandidat, der im Vorstand von General Motors sass und deswegen deren Geld irgendwo gewinnbringend investieren wollte. Doch der Deal platzte, weil Perot aus dem Vorstand geworfen wurde. 

Ein Dritter sah dem Treiben aus der nötigen Distanz zu. Auch er war von Beginn weg an einem Kauf interessiert gewesen, aber er fand dreissig Millionen dann doch etwas übertrieben. Es handelte sich um Steve Jobs, Gründer von Apple. Zehn Millionen bot er Lucas für das Package plus die Zusage, dass Lucasfilm weiterhin von den Special-Effects-Errungenschaften profitieren könne. That’s it! Jobs gründete darauf mit Smith und Catmull eine Firma mit dem Namen Pixar…

Akt 2: Der König und der Prinz

Steve Jobs gefiel seine neue, kleine Firma. Er war damals von Apple vor die Tür gesetzt worden und für einen Mann mit mehr als einem gesunden Ego, war dies ganz dicke Post. Zudem versuchte Jobs erfolglos seinen nächsten revolutionären Computer namens NEXT auf den Markt zu bringen. NEXT ist heute ein Mythos. Er wäre das ganz grosse Ding geworden, behaupten viele. In Wirklichkeit war er zu teuer und wie bei so vielen Sachen, die Jobs vehement durchsetzen wollte, schüttelten die Leute nur den Kopf. Bei Pixar dagegen fühlte er jenen Pioniergeist, den auch Apple zu Beginn hatte. Jobs, stets mit T-Shirt, Jeans und Turnschuhen bekleidet (auch heute noch), fand in den Computerfreaks rund um Smith und Catmull Geistesverwandte. Bei Pixar kamen die meisten gar barfuss zur Arbeit und blieben oft die ganze Nacht.

Dass ein gewisser John Lasseter 1984 bei Disney kündete, um seinen Traum eines am Computer generierten Trickfilms bei Lucasfilm zu verwirklichen, war der eigentliche Glücksfall für die junge Firma. Jobs soll später mal gesagt haben, Pixars Vision sei es immer gewesen, Geschichten zu erzählen und Filme zu realisieren. Als Hardware-Mann sind aber viele der Meinung, dass er sich damals eigentlich bloss eine Software-Firma einverleiben wollte, um NEXT zum grafischen Alleskönner zu machen. Pixar entwickelte denn auch die Software Renderman, die heute bei der Entwicklung von virtuellen Bewegungsabläufen Standard ist.

Lasseter, das war vielen klar, ist ein Genie. Einer, der das Kind im Manne am Leben erhielt. Ein begnadeter Drehbuchschreiber und ein technischer Virtuose. Es war sein Glück, dass Jobs durch ihn nicht in seiner Egomanie behindert wurde, ansonsten wären düstere Zeiten bei Pixar angebrochen. In der Folge produzierte Pixar Kurzfilme, die an verschiedenen Festivals für Furore sorgten. Legendär «Luxo jr.», dessen Hauptfigur, eine kleine Bürotischlampe heute fest zum Logo von Pixar gehört. Die Kurzfilme waren derart erfolgreich, dass man sich an den ersten abendfüllenden Film machen wollte. Dafür brauchte es einen finanzkräftigen Partner, der als Produzent und als Vertrieb dienen sollte. In der Folge übernahmen die Walt Disney Studios diesen Teil, was rückblickend eine gewisse Ironie nicht verleugnen kann.

Akt 3: Der Desavouierte

Jeffrey Katzenberg war bei Disney Chef der Produktion und der Trickfilmabteilung und ziemlich erfolgreich. Mit «Beauty And The Beast», «Aladdin» und «The Lion King» sorgte er für Millionenumsätze. Er hätte frustriert und mit Neid auf die Pixar-Leute reagieren können, als sie mit dem Drehbuch und den ersten Entwürfen zu «Toy Story» zu ihm kamen. Immerhin hatte er sich einst den Deal mit Lucas entgehen lassen. Aber er tat es nicht. Im Gegenteil. Er verteidigte das Projekt auch gegenüber dem skeptischen damaligen Disney-Boss Michael Eisner, dem Katzenbergs gesundes Selbstvertrauen nie ganz geheuer war. Als der Posten der Nummer Zwei im Disney-Imperium vakant war, forderte denn auch Katzenberg diese Position mit einer Vehemenz, die Eisner auch nicht geheuer war. Er sagte nein und Katzenberg machte sich auf, um gemeinsam mit Steven Spielberg und David Geffen die Firma Dreamworks zu gründen.

Eisner gefiel letztlich «Toy Story» und hielt ihn gar um ein Jahr zurück, um ihn 1995 zu Thanksgiving als Disneys Weihnachtsfilm zu lancieren. Der Rummel, der dem Filmstart vorausging, nutzte Steve Jobs, um Pixar an die Börse zu bringen. Es war der damals erfolgreichste Börsengang der Geschichte. Damit hatte Steve Jobs sein Ego wieder genährt. Was danach folgte, ist längst Geschichte. Seine Rückkehr zu Apple, die Erfindung des iMac, später des iPods und iTunes…

«Toy Story» wurde ein Blockbuster (siehe auch «Die Pixar-Filme» in diesem Dossier) und Katzenberg, der von Eisner Desavouierte, hatte nicht weniger im Sinn, als mit Dreamworks die Herrschaft über das Reich des Trickfilms zu erobern, um Pixar und Disney alt aussehen zu lassen. Aber eigentlich gelang ihm dies nur mit «Shrek». Filme wie «Madagascar», «Sharktale» oder den als offensichtliche Konkurrenz zu «A Bug’s Life» von Pixar lancierte «Antz» konnten es weder technisch noch von der Qualität des Drehbuches mit Werken wie «Monster, Inc.», «Finding Nemo» oder «The Incredibles» aufnehmen.

Epilog

Dass weder die Filme von Dreamworks, noch Fox («Ice Age») oder Warner («Happy Feet») an die Qualität von Pixar heranreichen, ist relativ einfach erklärt. Neben dem technischen Vorsprung ist es vor allem die Haltung innerhalb des Betriebes. Pixar behandelt seine Filme wie Autorenfilme. Regisseure wie die hochtalentierten John Lasseter und Brad Bird schreiben ihre eigenen Stories und behandeln deren Umsetzung mit denselben Regeln wie ein herkömmlicher Filmemacher. Das macht Pixar-Filme zu individuellen Werken mit Tiefgang. Das Geheimnis liegt also darin, Trickfilme zu machen, sie aber in ihrer Gesamtheit nicht als solche zu betrachten.

Mit dieser Philosophie ist Pixar zum erfolgreichsten Filmstudio aller Zeiten aufgestiegen. 2006 hat Steve Jobs Pixar, dessen Infrastruktur er einst für zehn Millionen Dollar von George Lucas erworben hatte, an Disney verkauft. Für sagenhafte 7,4 Milliarden Dollar plus einem Verwaltungsratssitz bei Disney.

Pixar – Official Website »


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