Es ist so eine Sache mit den Amerikanern und den Franzosen. Eigentlich mögen sie sich und ihre Freundschaft reicht weit hinein in die Vergangenheit (die Freiheitsstatue in New York zeugt davon). Allerdings verweigern sie öffentlich meist das Bekenntnis zur gegenseitigen Liebe, dafür fühlen sie sich dann doch jeweils dem anderen gegenüber als grösser, wichtiger und mächtiger. Dennoch: wenn der Amerikaner etwas ausserordentlich findet, dann sagt er «Wow, that’s french». Zudem wird mit Ungläubigkeit und Faszination gleichermassen immer wieder das sogenannte «french paradox» diskutiert. Die Amerikaner begreifen nicht, dass der Franzose fettige Speisen isst, täglich Wein trinkt und dazu noch eine Zigarette raucht und damit die grössere Lebenserwartung vorweisen kann als die Menschen in Amerika.
Mit diesen Gedanken spielt nun auch der aktuellste Pixar-Film. «Ratatouille», geschrieben und inszeniert von Brad Bird, der bereits für «The Incredibles» verantwortlich zeichnete, geht noch einen Schritt weiter und macht eine Ratte zur Hauptfigur seines Gourmet-Vergnügens. In New York, gewissermassen der kulinarischen Hochburg dieser Welt und mit den meisten hochdekorierten (auch französischen) Köchen und Restaurants gesegnet, sind Ratten das grösste Übel der Gastronomen. Erst vor wenigen Wochen musste ein Restaurant in Greenwich Village geschlossen werden, weil es über Nacht von Ratten übernommen wurde. Der Kritiker des wöchentlichen Ausgehmagazines «Time Out» findet denn auch «Ratatouille» eine Zumutung für New Yorker. Gemessen am Erfolg des Films und angesichts der Kritiken seiner Berufskollegen, steht der Mann aber ziemlich alleine da.
«Nicht jedermann kann ein grosser Künstler sein. Aber ein grosser Künstler kann von überall her kommen», sagt Anton Ego im Film. Er ist ein vampirhafter Hüne, ausgestattet mit der Stimme Peter O’Tooles und der gefürchtetste Gastrokritiker von Paris. Sein Ausspruch nimmt eines vorweg: «Ratatouille» ist nicht nur eine actiongeladene Komödie für Kinder und Junggebliebene, sondern auch ein Film, der unter der glitzernden Oberfläche einiges an Tiefgang transportiert und damit ganz in der Tradition der Pixar-Filme liegt.
Erzählt wird die Geschichte von Remy, einer Ratte aus der Provinz, die es satt hat, sich aus Abfallsäcken zu ernähren. Remy hat schlicht genug vom ganzen Junkfood. Sein Vorbild ist Auguste Gusteau, Besitzer und Koch des besten Restaurants von Paris. Als Figur unnahbar wie ein Paul Bocuse wirkend, pflegt er in seiner Kochsendung im Fernsehen ein Credo à la Jamie Oliver: «Jeder kann kochen.»
Remy verlässt sein Rat Pack, weil sein Gaumen nach Höherem strebt. In Paris angekommen, realisiert er, dass Gusteau unerwartet verstorben ist und dessen Nachfolger Skinner unter dem Namen seines Vorgängers plant, Fastfood-Produkte auf den Markt zu bringen. Remy gelingt es via den Küchenjungen Linguini in die Küche des Restaurants zu kommen und im Verborgenen seine Kochkünste zu demonstrieren.
«Ratatouille» besticht wie jeder Pixar-Film erst einmal durch die Perfektion seiner Bilder. Die Stadt Paris wurde von den Computertechnikern in all ihren Facetten und Details in die digitale Welt transportiert. Der Küchenalltag wird zur Choreographie eines kulinarischen Theaters, in dem sämtliche Finessen visualisiert wurden. Die Figuren haben eine Ausstrahlung, die echten Darstellern in nichts nachsteht und – last but not least – steckt in fast jeder Handlung Witz und Esprit, und damit auch die Erkenntnis, dass dieser Film bis auf die letzte Sekunde mit einer Hingabe und Genauigkeit realisiert worden ist, die seinesgleichen sucht.
Aber «Ratatouille» ist noch mehr. Wie bei anderen Pixar-Filmen zuvor, liegen unter dem Mantel der reinen Familienunterhaltung Botschaften und Einsichten, die aber – im Gegensatz zu vielen Hollywood-Produktionen – nicht mit dem moralischen Zeigefinger vorgeführt, sondern vielmehr auf spielerische Art und Weise im Bewusststein des Zuschauers deponiert werden. So war letztes Jahr der Film «Cars» auch ein Vehikel, um die Fortschrittsgläubigkeit zu hinterfragen und den Geländewagen-Hype aufs Korn zu nehmen. In «Ratatouille» geht es natürlich auch um Diskriminierung und um Vorurteile. Aber in diesem Film steckt auch eine fundamentale Kritik an unseren Essgewohnheiten. Da ist der Junkfood, den Remy nicht mehr essen will, der ihm aber in erster Linie von seinem Vater vorgesetzt wird. Und da ist der Fastfood, der unter dem Etikett eines berühmten Chefkochs die Menschen glauben lassen soll, sie täten sich damit etwas Gutes. Und zu guter Letzt knallt Autor und Regisseur Brad Bird mit «Ratatouille» dem amerikanischen Publikum einmal mehr das «french paradox» um die Ohren. Oder wie es Michael Moore in seinem neuen Film «Sicko» (siehe Bericht dazu in dieser Ausgabe) formuliert: «I have enough of freedom fries. I want my french fries back». Guten Appetit!
«Ratatouille», USA 2007. Drehbuch und Regie: Brad Bird. Mit den Stimmen von: Patton Oswalt (Remy), Ian Holm (Skinner), Lou Romano (Linguini), Brian Dennehy (Django), Peter Sohn (Emile), Brad Garrett (Auguste Gusteau), Janeane Garofalo (Colette) und Peter O’Toole (Anton Ego).
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