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das kulturelle Überformat

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Jörg Steiner – Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean

Aus der Stille heraus

In seinem neuen Buch «Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean» bleibt sich der Schweizer Autor Jörg Steiner treu. Wieder beobachtet er aus dem Stillen heraus. Erneut verzaubert er uns damit. Weil das Nichtgesagte einmal mehr lauter spricht als das Gesagte.

Rudolf Amstutz·4 Min.

Jörg Steiner / Photo: © Yvonne Böhler
Jörg Steiner / Photo: © Yvonne Böhler

(Dieser Artikel erschien erstmals in TheTitle Nr. 12 / 6.3.2008)

Man liest und man fragt sich: wie macht er das? Es sind diese einfachen Sätze, diese Schlichtheit des Gesagten, die einen aufhorchen lassen. Im Lärm dieser Welt ist auch dieses Buch von Jörg Steiner ein stilles. Diese Sprache: bescheiden, unaufdringlich und so gar nicht selbstherrlich. Man erinnert sich an Raymond Carvers Kurzgeschichten. Oder an Jean-Philippe Toussaints «Monsieur». Der junge Schweizer Autor Peter Weber sagt über Jörg Steiner: «Er schreibt Sätze, die vieles hinter sich wissen.» Es ist das Gegenteil von Geschwätzigkeit, das Gegenteil von Javier Marías’ «Mein Herz so weiss». Bei der Lektüre dieses Werkes des Spaniers, der eigentlich auch ganz wunderbar schreiben kann, droht dem Leser nach mehrseitigen, geschachtelten Sätzen die Hyperventilation. «Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean» dagegen ist ein Buch, das atmet. Regelmässig und ruhig.

Steiner schreibt über seinen Aufenthalt Mitte der neunziger Jahre als Writer-in-Residence an der University of Southern California in Los Angeles. Über seine Begegnungen mit den Menschen, über seine Eindrücke, seine Einsichten und die kulturelle Andersartigkeit. Er braucht dafür «nur» 85 Seiten. Doch in unserem Kopf hat sich die Geschichte beim Lesen längst weiter entwickelt, haben sich seine Worte mit unseren Gedanken verflochten. Das Buch beginnt zu wachsen – Wort für Wort, Zeile für Zeile, Seite für Seite. Am Ende fühlt man sich reicher. Und fragt sich wieder: wie macht er das?

Er schreibt: «Wir verstehen nicht, was mit uns geschieht». So ist es. Und so wandern wir auf den Seiten des Buches durch Bekanntschaften, wie jene mit Willi Prager, dem Eismacher. Durch Landschaften wie jene, in denen die Tree People für eine bessere Welt kämpfen oder durchs öde urbane Ghetto, in dem als Kontrast zur Hoffnungslosigkeit dieser blühende Kirschbaum steht.

Die Geschichte ist aber auch die eines aufrechten Europäers, der sich diesem Amerika kritisch nähert und doch immer wieder verwundert die Augen reibt. Hier lauern sich Bewunderung und Abneigung gegenseitig auf, weil die Gegensätze nicht grösser sein könnten. Und das Ungewohnte des neuen Ortes wird für den Autoren auch nicht leichter, wenn er entdeckt, dass seine geliebte Schreibmaschine die Reise nicht überlebt hat. «Lange vor mir hatte jemand festgestellt, dass das Schreiben von Hand etwas anderes ist als das Schreiben mit den Fingern», schreibt Steiner. Selbst die gewohnte Arbeitsweise entzieht sich den veränderten Bedingungen. Damit wird der Akt der Aufzeichnung selbst zur neuen Perspektive.

Miles Davis hat einmal gesagt, das wichtigste in seiner Musik seien die Löcher. Also jene Töne, die er nicht spielt. Und vielleicht sind es gerade diese Töne, die in unserem Innersten am Lautesten nachklingen. Bei Jörg Steiner werden diese Töne auch nicht gespielt, wenn er gegen Ende eine ganz kurze Begegnung mit einer schwarzen Frau beschreibt: «Ihre Schönheit verschlug mir den Atem; es tat weh. Ein Stich ins Herz.» Mehr ist da nicht. Ein einziger Blick und eine Erinnerung fürs Leben. Hier spricht das Nichtgesagte lauter als das Gesagte. Und der Leser schreibt in seinem Kopf dieses Buch individuell zu Ende. Immer und immer wieder. «Mir kam es so vor», schreibt Steiner, «als werde Amerika jeden Tag neu erfunden. Hatte nicht schon Fontane gefragt, wie die Neufundländer-Hunde hiessen, bevor der Kontinent entdeckt worden war?»

Wie war das Leben, bevor der Kirschbaum zu blühen begann? Bevor dieses Buch geschrieben wurde? Bevor man es gelesen hatte? Deshalb: Raymond Carver. Und deshalb auch: Miles Davis. Vielleicht ist das Herz am Ende doch weisser geworden – weil es von Geschwätzigkeit verschont geblieben ist…

Jörg Steiner: «Ein Kirschbaum am Pazifischen Ozean». Suhrkamp Verlag. Bütten-Broschur. 85 Seiten € 12,80 / CHF 23,00

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